bin ich ein rassist? | ❤

Sächsiche Zeitung Samstag, 09.01.2016

Bin ich ein Rassist?

Unser Korrespondent in Prag ist entsetzt über die Ereignisse in Köln. Er findet: Jeder hat sich im Ausland anzupassen, jeder!

Von Hans-Jörg Schmidt

 

 

Die Widerwärtigkeiten von Köln und anderswo am Silvesterabend haben mich jüngst veranlasst, mir auf Facebook in einem längeren Beitrag die Wut von der Seele zu schreiben. Nicht jedes Wort war da genau gewählt, zugegeben. Logisch: Ich hatte mir vorgestellt, was gewesen wäre, hätten Frauen oder Mädchen aus meiner Familie oder meinem Freundes- und Bekanntenkreis zu den Opfern dieser Nacht gehört. Ich glaube nicht, dass ich das so einfach hingenommen hätte. Wiewohl mir natürlich klar ist, dass Selbstjustiz maximal zum Plot eines „Tatort“ gehören kann. Aber: Meine erwachsene Tochter hätte unter den Bedrängten sein können, selbst meine beiden Enkeltöchter. Welch traumatischer Gedanke. Da rastet man gedanklich schon mal aus. Glücklicherweise nur verbal.

In meinem rasch geschriebenen Post habe ich mich über die Polizei aufgeregt, die in Köln zum wiederholten Mal nicht Herr der Lage gewesen ist. Als in einer Zeitung ein dort interviewter Polizist gestand, selbst Angst gehabt zu haben, dachte ich, ich bin im falschen Film. Wie ist es möglich, dass in einem Rechtsstaat die Polizei den Schwanz einkneift und wegsieht, wenn etwas völlig aus dem Ruder läuft? Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Die Polizei hat heutzutage sehr viele komplizierte Aufgaben zu lösen. Ich denke dabei nur an das unwürdige Benehmen zahlloser „Fußballfans“ an jedem Wochenende, wo auch immer in Deutschland. Das alles ist nicht lustig. Ich beneide die Polizisten nicht um ihren Job. Trotzdem sind sie die Hüter der Ordnung, auf die man sich als Bürger absolut verlassen können muss.

Jetzt wird in Köln unter dem massiven Druck der Öffentlichkeit und der Politik fieberhaft ermittelt. Zum Zeitpunkt meiner Äußerung auf Facebook hieß es unter Hinweis auf Zeugen, bei den Tätern habe es sich um „Nordafrikaner“ oder „Araber“ gehandelt. Das hat mich aus zweierlei Gründen wütend gemacht. Erstens deshalb, weil mir sofort klar war, dass das ein regelrechter Tsunami auf die Mühlen all derer sein muss, die von Beginn an mit „Spaziergängen“ oder, weit schlimmer, mit fast täglichen Anschlägen auf Asylheime meinen, das Abendland vor Fremden „retten“ zu müssen. Aus meiner Sicht sind weder Pegida noch die AfD und schon ganz und gar nicht die Werfer von wirklichen Brandsätzen „das Volk“. Trotzdem – das als Bemerkung am Rande – fühle ich mich bei meinen regelmäßigen Besuchen in Dresden schon länger nicht mehr wohl. In den öffentlichen Verkehrsmitteln habe ich den – womöglich übertriebenen – Eindruck, dass mich alle beobachten und mir ansehen, wie sehr ich den offen rassistischen Teil von Pegida verachte.

Der zweite Grund meiner Wut: Ich spürte zum ersten Mal seit dem Zuzug der Flüchtlinge, dass ich innerlich womöglich selbst nicht frei bin von Vorurteilen. Die rühren aus der „Wendezeit“ her, aus der Zeit der offenen Grenzen in Berlin, wo ich seinerzeit lebte. Meine damals halbwüchsige Tochter verabredete sich häufig am Wochenende mit Freundinnen, um in Diskotheken nach Westberlin zu fahren. Ihre Erzählungen über junge Türken, die – vorsichtig ausgedrückt – nur wenig Respekt vor jungen blonden Mädchen gezeigt hätten, machten mir Angst. Seither bekam meine Tochter immer Geld für ein Taxi mit, um sich rasch „in Sicherheit“ bringen zu können. Dass ihr nie etwas passiert ist, habe ich unserer geglückten Erziehung zugeschrieben. Aber ich habe mir auch gesagt, vielleicht habe sie in ihren Erzählungen über die jungen Türken auch etwas übertrieben.

Dass auch Deutsche ein höchst zweifelhaftes Verhältnis zu Frauen und Mädchen haben können, weiß ich spätestens seit meinen ersten Zugfahrten Anfang der 1990er-Jahre von Deutschland nach Prag. Dort waren ganze Abteile mit meist jungen Männern gefüllt, die alles andere an die Moldau zog als die Karlsbrücke oder die Prager Burg. Die grölten vollgedröhnt mit Bier schon kurz hinter Dresden, wonach ihnen der Sinn stand: nach billigem Sex mit den „geilen Tschechen-Girls“. Fuhr ich sonntagabends mit dem Auto von Dresden über die 170/E 55 nach Prag, dann erlebte ich regelrechte Kolonnen Richtung des Grenzorts Dubi (Eichwald). Der frühere Kurort war zu einem einzigen Puff mutiert. Ich habe mich jahrelang geschämt für meine deutschen Mitbürger. Und ich habe mich furchtbar geärgert, wenn deutsche private TV-Stationen die E 55 abfilmten, um angeblich Betroffenheit über das traurige Schicksal der Huren zu heucheln. Ihnen ging es nur um die halbnackten Mädchen. Das alles an der E 55 hat sich glücklicherweise erledigt. Dubi ist auf dem Weg zurück zu einem Kurort.

„Nicht Ausländer erniedrigen Frauen, sondern Arschlöcher“, schrieb mir eine meiner Facebook-„Freundinnen“ denn auch zu Recht als Kommentar auf meinen Post. Das hatte ich in meiner raschen, wütenden Reaktion auf die Widerwärtigkeiten von Köln verdrängt, obwohl ich es natürlich weiß. Stellt sich mir die Frage, ob ich im Grunde meines Herzens vielleicht auch rassistisch anfällig bin? Weshalb rege ich mich erstmals während des ganzen Flüchtlingsdramas so richtig auf, wenn von sexuellen Übergriffen mutmaßlicher Flüchtlinge auf Frauen die Rede ist? Einerseits würde ich mich damit verteidigen, dass ich das wegen der Frauen tue, die schutzloser sind als kräftig gebaute Männer. Aber vielleicht muss ich jetzt über die Frage meiner „rassistischen Anfälligkeit“ tatsächlich noch länger nachdenken.

Es gibt jedoch noch einen weiteren Grund, der mich bei all dem wütend macht: Die Widerwärtigkeiten von Köln sind mittlerweile auch in den Medien wie in den sozialen Netzwerken „meiner“ Tschechischen Republik angekommen. Und sie werden dort als willkommenes Vehikel benutzt, um die zutiefst negative tschechische Grundeinstellung in der Flüchtlingsfrage zu bekräftigen: „Dieses Land gehört uns“ (und bleibt tabu für Flüchtlinge), hatte Präsident Miloš Zeman seine Weihnachtsansprache an die Nation beendet. Zemans Vorgänger, Václav Klaus, nutzte einen Auftritt an Neujahr dazu, Angela Merkel in ihrer Zielsetzung allen Ernstes mit Hitler und Stalin zu vergleichen.

Als eine große deutsche Zeitung über die Aussagen der beiden informierte, fanden sich Hunderte von Leser-„Kommentatoren“, die Zeman und Klaus in den Himmel hoben und darüber schwadronierten, wie fehlgeleitet die Kanzlerin sei und dass sie jetzt nach Tschechien auswandern wollten. Da bekam ich eine Gänsehaut. Ich kenne beide tschechische Spitzenpolitiker sehr viel besser als jeder Leser einer deutschen Zeitung. Wenn ich als SZ-Korrespondent jede Aussage von Zeman und Klaus in der Flüchtlingsfrage als Artikel anbieten würde, dann würde sich die Leserschaft irgendwann genervt abwenden, vermutlich selbst hartgesottene Pegida-Anhänger.

Was aber die Reaktion der Tschechen auf Köln angeht: Ich kann die sehr gut nachvollziehen. Ihre für viele in Deutschland und Europa schwer verständliche Angst vor Muslimen rührt nicht nur daher, dass sie selbst kaum mit Menschen aus diesem Kulturkreis Erfahrungen haben. Tschechien ist seit der Vertreibung der Deutschen und nach dem Ende des gemeinsamen Staates mit den Slowaken ein wirklicher tschechischer „Nationalstaat“ mit einem winzigen Ausländeranteil. Die Tschechen sehen in der Flüchtlingskrise vor allem darauf, was in Deutschland passiert, dem Sehnsuchtsland der meisten Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, dem Balkan und aus Afrika. Nachrichten wie die aus Köln sind da nicht eben sonderlich hilfreich, Vorurteile abzubauen und die eigene Ansicht zu überdenken. Merkel wird in Prag so schnell keinen Partner finden, der so mir nichts dir nichts Tausende Flüchtlinge aufzunehmen bereit ist.

Aber selbst wenn sie ihre Grundhaltung ändern sollten, würden die Tschechen wie die Deutschen von den Zuwanderern die Anpassung an ihre Gesetze und Gepflogenheiten erwarten. Wenn ich mich als seit mehr als 25 Jahren in Prag lebender Ausländer nicht an diese Gesetze und Gepflogenheiten halten würde, bekäme ich zuerst Probleme mit meinen einheimischen Nachbarn und dann womöglich mit der hiesigen Justiz bis hin zur Ausweisung, vor der mich auch die Niederlassungsfreiheit für EU-Bürger nicht schützen würde. Das geht bis dahin, dass ich in Tschechien nun einmal nur dann mit meinem Auto fahren kann, wenn ich absolut nichts Alkoholisches getrunken habe. Ich habe diese Regel so verinnerlicht, dass ich auch in Deutschland nie nach auch nur einem kleinen Bier ins Auto steigen würde.

Mein eigenes Verhalten im Ausland nehme ich andererseits auch als Maßstab für das Verhalten von Ausländern in meinem Geburtsland Deutschland. Deshalb erwarte ich, dass die Täter von Köln ausnahmslos gefunden, zur Verantwortung gezogen werden und für ein paar Jahre in den „Bau“ wandern. Wenn es sich tatsächlich um „Nordafrikaner“ oder „Araber“ gehandelt haben sollte, die da auf Frauen und Mädchen losgegangen sind, so bleibt aus meiner Sicht keine Alternative, als diese Menschen sofort ins nächste Flugzeug Richtung Heimat zu setzen. Ich weiß, dass das die Gesetze in Deutschland nicht so einfach zulassen. Aber, Entschuldigung, dann muss die Gesetzeslage geändert werden. Das ist dann einfach mal die andere Seite der deutschen „Willkommenskultur“.

Jeder, der in Not ist, muss willkommen sein. Aber er muss sich auch integrieren wollen. Ich konnte mich in „meinem“ Gastland auch nicht um Grundsätzliches herummogeln. Um das zu wissen, brauchte ich nicht einmal eine deutsche Übersetzung der tschechischen Verfassung.

Unter dem Titel „Perspektiven“ veröffentlicht die Sächsische Zeitung kontroverse Essays, Analysen und Interviews zu aktuellen Themen. Texte, die Denkanstöße geben, zur Diskussion anregen sollen.“

quelle: sächsische zeitung

                

      

    

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