was wir aus der geschichte des antisemitismus lernen | ♥

Judenhass abwehren
Was wir aus der Geschichte des Antisemitismus lernen

Antisemitismus lässt sich abwehren. Wie – das lässt sich auch aus der Geschichte vor 1933 lernen, selbst wenn die damalige Aufklärungsarbeit von jüdischen Vereinen ein deprimierendes Ende nahm.

Es ist die Zeit der berühmten Berliner Salons. Gebildete jüdische Frauen der Oberschicht laden zu sich nach Hause ein, um eine geistvolle Geselligkeit zu pflegen, die tendenziell ständische, religiöse und Geschlechtergrenzen aufzuheben scheint. Einigen Zeitgenossen ist dies ein Dorn im Auge. Und so erscheint der Adlige Achim von Arnim an einem Maiabend im Jahre 1811 uneingeladen im Salon von Sara Levy. Er ist schlecht gekleidet und benimmt sich absichtsvoll daneben. Der Neffe von Sara Levy, Moritz Itzig, verlangt eine Entschuldigung. Andernfalls würde er Arnim – zur Verteidigung der Ehre seiner Tante – zum Duell fordern.

Dies lehnt Arnim höhnisch ab: Ein Jude sei nicht satisfaktionsfähig. Daraufhin schlägt Itzig Arnim bei einem Besuch im Badehaus. Er wird verhaftet, aber der anschließende Prozess endet mit einer milden Strafe. Während Arnim nun in der Berliner Öffentlichkeit als Feigling dasteht, gilt Moritz Itzig als männlich-mutiger Held.

Juden haben sich immer aktiv zur Wehr gesetzt

Die Geschichte macht zweierlei deutlich: Juden haben sich immer aktiv, öffentlich und zur Not auch mit Gewalt gegen antijüdische Angriffe zur Wehr gesetzt. Und sie hatten dabei – dies sei nicht vergessen – im 19. Jahrhundert oft die bürgerlich-liberale Öffentlichkeit auf ihrer Seite, vor allem wenn es gegen Adlige ging.

Doch sagt uns diese Episode tatsächlich heute noch etwas? Antisemitismus und die Strategien zu seiner Bekämpfung sind in jüngster Zeit kontrovers diskutiert worden. So wurde kürzlich gefordert, die Antisemitismusforschung möge endlich aus dem Schatten der Geschichtswissenschaft heraustreten, damit man sich mit ganzer Kraft denaktuellen Sorgen zuwenden könne.

Antisemitismus ohne historisches Wissen zu analysieren geht nicht

Der Ansatz aber ist falsch: Wer denkt, Antisemitismus ohne profundes historisches Wissen verstehen zu können, zum Beispiel ohne Kenntnisse seiner christlichen Wurzeln, dessen Analysen stehen auf tönernen Füssen. Und wer nicht glaubt, dass sich auch schon frühere Generationen Gedanken über mögliche Abwehrstrategien gemacht haben, läuft Gefahr, die gleichen Fehler in Endlosschleife zu wiederholen.

Moritz Itzig war nicht der Einzige, der im 19. Jahrhundert Kämpfen als Abwehrstrategie wählte. Die Akten des Universitätsarchivs von Berlin sind voll von Beschwerdebriefen wütender jüdischer Studenten, die vehement Duelle gegen antisemitische Kommilitonen einforderten.

Was die Mutter von Hannah Arendt sagte

Auch jüdische Frauen setzten sich zur Wehr, wenngleich mit anderen Waffen. So mahnte Martha Arendt, gutbürgerliche Ehefrau und Mutter, ihre kleine Tochter Hannah: „Man darf sich nicht ducken! Man muss sich wehren!“, berichtete die große Philosophin in der Rückschau: „Wenn etwa von meinen Lehrern antisemitische Bemerkungen gemacht wurden (…), dann war ich angewiesen, sofort aufzustehen, die Klasse zu verlassen, nach Hause zu kommen, alles genau zu Protokoll zu geben. Dann schrieb meine Mutter einen ihrer vielen eingeschriebenen Briefe (…). Wenn es aber von Kindern kam, habe ich es zu Hause nicht erzählen dürfen. Das galt nicht. Was von Kindern kommt, dagegen wehrt man sich selber.“

Aber auch intellektuell setzten sich Jüdinnen und Juden immer wieder mit dem Antisemitismus auseinander und legten so die Fundamente für das, was wir heute Antisemitismusforschung nennen. Der Berliner Professor für Völkerpsychologie, Moritz Lazarus, meldete sich 1879 zu Wort, als die Judenfeindschaft massiv in die gebildeten Kreise der Stadt vordrang. In einem viel beachteten Vortrag betonte er, dass es gerade der mangelnde Pluralismus sei, der die deutsche Gesellschaft gefährde: „Die wahre Kultur (…) liegt in der Mannigfaltigkeit“, so Lazarus. Dies beinhalte auch, dass es letztlich die Juden selbst seien, die sowohl ihre Zugehörigkeit als auch ihre „Eigenart“ bestimmen: „Was sind wir, Deutsche oder Juden oder beides? (…) Im letzten Grunde können wir allein es am besten wissen, ein anderer kann sagen, wofür er uns hält, wir allein können sagen, was wir sind.“

Selbstbewusstsein gegen nagende Selbstzweifel

Wie weit entfernt erscheint dieses selbstbewusste Postulat für die Beibehaltung einer differenten und eigenständigen jüdischen Kultur in Deutschland von den Berichten nagenden Selbstzweifels und der Apologetik der nächsten Generation!

Gerade dies, Zweifel und Defensivverhalten, wird gern dem Central Verein (CV) vorgeworfen, der ersten jüdischen Selbstorganisation gegen den Antisemitismus, die von 1893 bis 1938 aktiv war. Doch ganz so erfolglos war dieser größte jüdische Verein nicht. Seine Rechtsschutzabteilung etwa bearbeitete vor dem Ersten Weltkrieg ungefähr hundert Fälle pro Jahr und konnte dadurch vor 1914 der übelsten antisemitische Hetze durchaus juristische Grenzen setzen.

Wie kam es zur Entsolidarisierung mit den jüdischen Nachbarn?

Nach dem Krieg aber verschwammen diese zusehends, sei es aufgrund des insgesamt stark radikalisierten politischen Klimas, sei es, weil eine neue Generation von Juristen auf dem rechten Auge nicht nur blind war, sondern bösartig. Nun boten viele dieser Prozesse der NSDAP die Möglichkeit zur politischen Propaganda. Gleichzeitig bemühte sich der CV in diesen aufgeheizten Zeiten um kluge strategische Bündnisse mit den demokratischen Parteien, da man nur durch den Kampf für Demokratie und Rechtsstaat die bedrohte Minderheit zu schützen hoffte.

Das deprimierende Ende der Aufklärungsarbeit

Allerdings nahm Ende der 20er Jahre die politische „Aufklärungsarbeit“ des CV ein ähnlich deprimierendes Ende wie der „Rechtsschutz“. Bis weit ins 20. Jahrhundert hatten sich Juden wie – in weitaus geringerem Maße – Nichtjuden bemüht, Antisemiten mit Fakten und Argumenten zu überzeugen oder zumindest wissenschaftlich zu widerlegen. Doch selbst ohne einen rassistisch verankerten und damit jedweder rationalen Logik enthobenen Antisemitismus waren diese Versuche zum Scheitern verurteilt. Nicht nur weil die meisten Antisemiten ohnehin nichts lasen, sondern auch weil die dauernden Thematisierungen ihre Spuren selbst im gebildeten Bürgertum hinterließen.

Schleichende Klimaveränderung

Die schleichende Klimaveränderung verdeutlicht ein Alltagsbeispiel. Die Frauengruppe des CV berichtete über Teenachmittage mit ihren nichtjüdischen Nachbarinnen. Anstatt, wie gehofft, „Gegensätze zu mildern und Annäherungen anzubahnen“, waren die jüdischen Gastgeberinnen damit beschäftigt, pauschale Vorwürfe abzuwehren. Sie bemerkten am Ende resigniert: „Zu unserem Bedauern hat aber keine Frau das Wort für uns ergriffen, etwa in dem Sinne, dass sie uns aus gemeinsamer Arbeit (…) kenne und unsere Mitarbeit ihnen wertvoll sei.“

Es war diese Entsolidarisierung der Mehrheit, der Nachbarn, die lange vor 1933 begann und dann zur Folge hatte, dass dem nach 1933 einsetzenden Angriff auf die jüdische Minderheit in ihrer Mitte nur wenig Widerstand entgegengesetzt wurde.

Hier also, an diesem Punkt, hatte die jahrzehntelange Aufklärungsarbeit, hatten die unzähligen Bücher und Artikel, die zahllosen Vorträge, Synagogenbesuche und Teenachmittage wenig bis gar nichts erreicht.

Ein Missverständnis, das bis heute anhält

Hier zeigt sich ein grundlegendes Missverständnis, das teils bis heute anhält. Wenn wir Antisemitismus lediglich als ein Vorurteil begreifen, als ein besonderes zwar, aber eben ein Vorurteil, das man mit rationalen Argumenten außer Kraft setzen können müsste, erfassen wir seinen spezifischen Kern nicht. Es ist daher sicher kein Zufall, dass sich die Antisemitismusanalysen der Kritischen Theorie wieder wachsender Beliebtheit erfreuen, liefern sie doch ein weit über das Vorurteilsparadigma hinausreichendes Erklärungspotenzial: die inhärenten Widersprüche des Kapitalismus beziehungsweise der bürgerlichen Gesellschaft und die von ihr erzeugten Pathologien.

Aber was bedeutet dies für die Abwehrarbeit – wenn man nicht jeden auf die Couch legen kann und nicht bis zur Revolution warten will? Wenn man also davon ausgehen muss, dass der Antisemitismus trotz noch so exzellenter Bildungsarbeit nicht einfach verschwindet? Die Antworten haben sehr wohl etwas mit den Erfahrungen von 1933 zu tun.

Es geht erstens darum, rechtliche Grundsätze zu bewahren und gegebenenfalls einzuklagen. Die Zerstörung des Rechtsstaates ging einher mit der Zerstörung der Demokratie. Anders ausgedrückt: Erst mussten die demokratischen Parteien verboten und Zehntausende ihrer Anhänger eingeschüchtert, weggesperrt und ermordet werden, bevor der Angriff auf die Juden mit voller Gewalt vonstattengehen konnte.

Es kommt auf politische Koalitionen an

Als Zweites also muss es um die positive Verstärkung eines inkludierenden, pluralen Demokratieverständnisses gehen. Dies kann aber nur überzeugen, wenn es Solidarität und politische Koalitionen einschließt. Ignatz Bubis hat das sehr genau gewusst, als er nach dem Pogrom 1992 Rostock-Lichtenhagen besuchte, sich kurz darauf an die Seite der türkischen Opfer der Brandanschläge von Mölln und Solingen stellte und vehement gegen eine Verschärfung des Asylrechts eintrat. In Zeiten nicht nur von Pegida oder der erneuerten AfD, sondern allgemein eines neo-nationalistischen Backlashs im europäischen Raum, ist diese Form der Solidarität mehr denn je vonnöten – und zwar nicht nur vonseiten der politischen Repräsentanten, sondern all jener, die sich gegen Antisemitismus engagieren möchten.

– Die Autorin ist Historikerin und Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Der Text basiert auf einem Vortrag, den sie im Jüdischen Museum im Rahmen eines Kollegs des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks gehalten hat.

quelle: tagesspiegel.de

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