Gottesstaat?

Peter Winnemöller spricht anlässlich der „Schützen-Affäre“ über die Trennung von Staat und Kirche, in der es auch um die Frage der politischen Einmischung der Kirche (z. B. der katholischen) in Angelegenheiten des Staates (z. B. die Gesetzgebung) geht. Rasch ist im Kommentarbereich vom drohenden „Gottesstaat“ die Rede.

Was aber hat die politische Einmischung von Menschen, die religiöse Ansichten haben, mit einem „Gottesstaat“ zu tun? Der Unterschied ist doch wohl der, dass sich in einer Demokratie alle Menschen und Institutionen – auch die religiösen – dem Diskurs stellen müssen, wenn sie für ihre Ansichten Geltung beanspruchen. In einem „Gottesstaat“ hingegen ist das nicht nötig: Da gelten die passenden religiösen Ansichten bereits, weil sie religiös sind. Das ist totalitär und das will kein vernünftiger Mensch. Das Gegenteil jedoch, also die Auffassung, dass religiöse Ansichten schon deshalb nicht gelten können, weil sie religiös sind, ist genauso totalitär. Auch das kann kein vernünftiger Mensch wollen.

Warum also sollten sich Menschen mit religiös begründeten Gedanken nicht in Diskurse einmischen dürfen? Es geht doch nicht ums Entscheiden, sondern um das Einbringen von Ideen in Entscheidungsfindungsprozesse. Und da haben religiöse Ideen genauso Platz wie alle anderen Ideen auch. Am Ende entscheidet die Mehrheit. Problematisch wäre das doch nur, wenn Katholiken oder Hindus doppeltes oder dreifaches Stimmgewicht hätten. Das ist aber nicht der Fall. Wenn also etwa die Position der Katholischen Kirche zur Sterbehilfe von der Mehrheit des Deutschen Bundestages geteilt wird, eben weil diese Position für die Mehrheit der Mitglieder des Deutschen Bundestages überzeugend ist, hat das nichts mit „Gottesstaat“ zu tun, sondern mit Diskurs.

Ein Mensch sollte also nicht nur so etwas wie Sterbehilfe für sich persönlich ablehnen dürfen (das versteht sich ohnehin von selbst), er sollte auch das Recht haben, diese Meinung öffentlich zu äußern und mit friedlichen Mitteln darum zu kämpfen, dass sie zu einer verbindlichen Norm für alle Menschen wird, ganz gleich, von welcher Motivation er sich dabei leiten lässt. Problematisiert wird es komischerweise immer nur, wenn die Motive im religiösen Glauben liegen. Dass sich der Ring Deutscher Marker einmischt, wenn es um Miethöhenanpassung und Regelungen zu Schönheitsreparaturen geht, wird gebilligt (völlig zu Recht natürlich). Dass sich der ADFC einmischt, wenn es um Helmpflicht auf dem Fahrrad geht, wird gebilligt (auch das völlig zu Recht). Dass sich die Kirche einmischt, wenn es um die Würde des Menschen geht, sollte entsprechend auch gebilligt werden.

Sich für seine Meinung einzusetzen, das ist in einer Demokratie selbstverständlich, ebenso, wie es dann selbstverständlich ist, dass man Mehrheitsentscheidungen, die anders aussehen als die eigene Meinung, verantwortungsvoll mitträgt, vorbehaltlich einer Weigerung aus Gewissensnot. Das Gewissen ist eine letzte, uneinnehmbare Bastion für den Einzelnen, auch gegen den Staat, auch gegen die Mehrheit. Insofern stimmt es freilich, dass Katholiken letztlich „ihren Glauben über den Staat und dessen Rechtsordnung stellen“. Christen sollen schließlich „Gott mehr gehorchen als dem Menschen“ (Apg 5, 29).

Über die Erkenntnis der hohen Bedeutung des Gewissens als „Stimme Gottes“ und im Zuge der besonderen Gewissensbildung anhand ihres Glaubens entwickeln Christen eine unbeugsame Sperrigkeit, die grundsätzlich eine Gefahr für jeden Staat darstellt, vor allem aber für den, der sich an die Würde des Menschen heranmacht – sämtliche Diktatoren des 20. Jahrhunderts wussten das. So war es Hitlers erklärtes ethisches Ziel, die Gewissensmoral des Christentums zu überwinden. Die Ethik des Nationalsozialismus umreißt er wie folgt: „Die Tafeln vom Sinai [die Zehn Gebote, J. B.] haben ihre Gültigkeit verloren. Das Gewissen ist eine jüdische Erfindung. Es ist wie die Beschneidung eine Verstümmelung des menschlichen Wesens. Die Vorsehung hat mich zum größten Befreier der Menschheit vorbestimmt. Ich befreie den Menschen von dem Zwange eines Selbstzweck gewordenen Geistes, von der schmutzigen und erniedrigenden Selbstpeinigung einer Gewissen und Moral genannten Chimäre und von den Ansprüchen einer Freiheit und persönlichen Selbständigkeit, denen immer nur ganz wenige gewachsen sein können. Der christlichen Lehre von der unendlichen Bedeutung der menschlichen Einzelseele und der persönlichen Verantwortung setze ich mit eiskalter Klarheit die erlösende Lehre von der Nichtigkeit und Unbedeutendheit des einzelnen Menschen und seines Fortlebens in der sichtbaren Unsterblichkeit der Nation gegenüber. An die Stelle des Dogmas von dem stellvertretenden Leiden und Sterben eines göttlichen Erlösers tritt das stellvertretende Leben und Handeln des neuen Führergesetzgebers, das die Masse der Gläubigen von der Last der freien Entscheidung entbindet“ (Hitler, zit. nach Rauschning 1940).

Von dieser Last wollen sich Christen partout nicht entbinden lassen. Der Grund für diese unbeugsame Sperrigkeit liegt darin, dass Christen letztlich nicht auf die Welt und ihre Ordnung ausgerichtet sind, sondern auf das Reich Gottes, jenem Reich, in dem Gerechtigkeit und Recht, Gesetz und Güte, Gebot und Gespür in eins fallen. Von diesem Reich können wir etwas erfahren – im Gewissen! Daher gibt es für Christen in ethischen Fragen jene klare Anweisung: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit!“ (Mt 6, 33) Letzte Bindung erfährt das christliche Gewissen nicht durch Menschenwerk, sondern nur durch Gott: durch dessen Vernunft und Liebe, an der er teilhat, durch dessen Güte und Gebot, die er durch die Teilhabe erkennt. Das macht den Christen widerstandsfähig gegenüber Diktaturen aller Art; ob es ihn dann auch tatsächlich widerständig macht, hängt von persönlichen Faktoren ab.

Das Verhältnis des Christen zur säkularen Ordnung ist aber auch in der Demokratie theoretisch immer ein gespanntes und muss es auch bleiben, weil Christen an Gott glauben, nicht an die Welt, an das Reich Gottes, nicht an den Staat, zugleich ist es praktisch ein sehr fruchtbares, weil das Reich Gottes nach christlicher Vorstellung in der Welt, im Hier und Jetzt seinen Anfang nimmt. Die Folge: Christen sind in fast allen zivilgesellschaftlichen Bereichen überproportional aktiv, gerade auch im sozial-karitativen Bereich, gerade auch ehrenamtlich. Es wäre schade, nein: fatal, wenn dieses Verhältnis durch säkulare Moralwächter ge- oder gar zerstört würde.

(Josef Bordat)

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Peter Winnemöller spricht anlässlich der „Schützen-Affäre“ über die Trennung von Staat und Kirche, in der es auch um die Frage der politischen Einmischung der Kirche (z. B. der katholischen) in Angelegenheiten des Staates (z. B. die Gesetzgebung) geht. Rasch ist im Kommentarbereich vom drohenden „Gottesstaat“ die Rede.

Was aber hat die politische Einmischung von Menschen, die religiöse Ansichten haben, mit einem „Gottesstaat“ zu tun? Der Unterschied ist doch wohl der, dass sich in einer Demokratie alle Menschen und Institutionen – auch die religiösen – dem Diskurs stellen müssen, wenn sie für ihre Ansichten Geltung beanspruchen. In einem „Gottesstaat“ hingegen ist das nicht nötig: Da gelten die passenden religiösen Ansichten bereits, weil sie religiös sind. Das ist totalitär und das will kein vernünftiger Mensch. Das Gegenteil jedoch, also die Auffassung, dass religiöse Ansichten schon deshalb nicht gelten können, weil sie religiös sind, ist genauso totalitär. Auch das kann kein vernünftiger Mensch…

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