Moral und Intimität

Eltern-Ich – Erwachsenen-Ich – Kindheits-Ich und moralische Werte

Sie sagen Ihrem sechsjährigen Sohn, er soll dem anderen Jungen genauso ins Gesicht schlagen, „wie er dich geschlagen hat!“ Warum?

Sie beteiligen sich an einer Protestdemonstration gegen Krieg und Terror und Unrecht. Warum?

Sie zeigen Ihren Freund nicht bei der Steuerfahndung an, obwohl Sie wissen, dass er umfangreiche Steuerhinterziehungen begeht. Warum?

Sie übernehmen Verantwortung für den Fehler eines Mitarbeiters. Warum?

Sie sagen Ihrer Tochter, dass sie mit einem bestimmten Freund, der „kein anständiges zu Hause hat“, nicht mehr verkehren soll. Warum?

Sie melden die Schlamperei eines Kollegen nicht, obwohl Sie wissen, dass Menschen dadurch geschädigt werden. Warum?

Fast alle Menschen haben tatsächlich derartige Entscheidungen zu fällen. Es handelt sich um moralische Entscheidungen, oder über Entscheidungen über gut und schlecht. Woher bekommen Sie die Informationsgrundlage für diese Entscheidungen? Aus dem Eltern-Ich, aus dem Erwachsenen-Ich und aus dem Kindheits-Ich. Was tun Sie, wenn Sie alle Daten Ihres Eltern-Ichs geprüft, manche behalten und manche verworfen haben und immer noch glauben, nicht die nötigen Richtlinien für die Entscheidung zu haben? Auf die Entscheidung verzichten? Wenn Sie ein emanzipiertes Erwachsenen-Ich haben, was tun Sie damit? Können Sie bei Fragen der Moral die Dinge selbst entscheiden – oder müssen Sie eine „Autorität“ um Rat bitten? Können wir alle Ethiker sein? Oder bleibt das den Moraltheologen und Philosophieprofessoren vorbehalten?

Wo können wir neue Daten suchen, wenn wir nicht besonders gut zurechtzukommen scheinen? Woran fehlt es uns? Welche Aspekte der Wirklichkeit kann das Erwachsenen-Ich untersuchen? Die Realität ist unser wichtigstes Mittel bei der Behandlung. Der Realität begegnen wir in der Geschichte und erfahren sie durch die Beobachtung des Menschen. So gewinnen wir den Stoff, aus dem wir ein gültiges ethisches System aufbauen. Aber es wäre ganz unvernünftig zu glauben, die einzige Wahrheit über die Wirklichkeit des Menschen liege in dem beschlossen, was wir persönlich erfahren und verstanden haben. Für manche Menschen ist die Wirklichkeit umfassender als für andere, weil sie mehr gesehen, mehr gelebt, mehr gelesen, mehr erfahren und mehr gedacht haben. Oder ihre Realität ist einfach anders als die eines anderen.

Unser Bedürfnis nach einem Richtungsweiser bei der Reise durchs Leben ähnelt dem Navigationsproblem eines Flugzeugpiloten. Zu Beginn der Luftfahrt konnten sich die Piloten nur auf ihr Sehvermögen verlassen – sie verglichen das, was sie unter sich sahen, die Flüsse, Buchten, Eisenbahngleise und Städte, mir den Karten, die sie vor sich ausgebreitet hatten. Das war natürlich eine riskante Sache, wenn die Sicht auch nur für kurze Zeit behindert war. Darum dachte man sich Navigationshilfen aus, die eine Peilung mit Hilfe zweier Punkte ermöglichen. Die zwei Punkte sind besondere Radiosender. Jeder strahlt ein Signal aus, das den Piloten die Funkstandlinie anzeigt. Der Punkt, in dem sich die Funkstandlinien schneiden, ist der Standort des Flugzeugs. Wenn der Navigator nur einen festen Punkt hätte, könnte er seinen Standort nicht ermitteln. Er könnte feststellen, dass er über dem Äquator ist. Aber wo über dem Äquator? Er müsste in einer anderen Richtung nach Daten suchen, die ihm diese Frage beantworten.

Ich glaube, dass viele Psychiater und Psychologen sich bei ihrer Behandlung auf nur einen festen Punkt verlassen haben: Sie verwandten ihre ganze Zeit darauf, nur eine Realität zu betrachten, die Vergangenheit des Patienten – was er getan hat – , und vernachlässigten weitgehend die Prüfung jener Realitäten, die ihm helfen könnten, zu verstehen, was er tun sollte. Wir sitzen rettungslos in einer Sackgasse, wenn wir glauben, unsere psychische Gesundheit beruhe einzig und allein auf solchen Realitäten, die sich in Aussagen widerspiegeln wie: „Ich bin so geworden, weil damals, als ich drei Jahre alt war, meine Mutter am Weihnachtsabend meinen Vater mit dem Kochlöffel verhauen hat.“ Archäologie dieser Art erinnert mich an die Geschichte von dem kleinen Mädchen, das seiner Großmutter nach Weihnachten einen Dankeschönbrief für ein Buch über Pinguine schrieb: „Liebe Großmutter, vielen Dank für das hübsche Buch, das Du mir zu Weihnachten geschickt hast. Dieses Buch erzählt mir mehr über Pinguine, als ich wissen will.“

Wir können ein Leben lang im Schutt der Vergangenheit graben, als wäre das der einzige Ort, an dem Realität existiert, und andere zwingende Realitäten völlig außer acht lassen. Eine dieser Realitäten ist, dass der Mensch ein Bezugssystem moralischer Werte braucht und Mangel litte, wenn er es nicht hätte.

Viele Psychologen pochen darauf, ihre Disziplin sei eine wertfreie Wissenschaft, und sehen folglich in Werturteilen eine verabscheuungswürdige Abkehr von der wissenschaftlichen Methode, die unter allen Umständen umgangen werden muss. Diese Schule behauptet standhaft, dass moralische Wertvorstellungen wissenschaftlich nicht zugänglich seien. „Das ist ein Werturteil; darum können wir es nicht – untersuchen.“ „Das liegt im Bereich des Glaubens, deshalb können wir keine schlüssigen Nachweise dafür beibringen.“ Sie übersehen die Tatsache, dass die wissenschaftliche Methode selbst völlig von einem moralischen Wert abhängt – der Vertrauenswürdigkeit des Berichterstattens über seine wissenschaftlichen Beobachtungen. Warum sagt ein Wissenschaftler die Wahrheit? Weil er in einem Labor nachweisen kann, dass er das tun sollte?

Nathaniel Branden schrieb eine Arbeit über das ernste Problem, das jene heraufbeschwören, die der Ansicht sind, dass es nicht zur Aufgabe von Wissenschaftlern gehört, sich mit moralischen Werten auseinanderzusetzen: „Ein Hauptproblem für die Wissenschaft der Psychologie ist die Motivation. Die Grundlage des Faches Psychologie ist das Bedürfnis, zwei fundamentale Fragen zu beantworten: Warum handelt ein Mensch so, wie er es tut? Was wäre nötig, damit er anders handelt? Der Schlüssel zur Motivation liegt im Bereich der Werte. Die Tragödie der heutigen Psychologie ist, dass die Werte als einzigen Sachverhalt nachdrücklich aus ihrem Gebiet verstoßen hat. Es stimmt nicht, dass allein durch die Bewusstmachung von Konflikten ihre Lösung garantiert wird. Das Moralische versteht sich nämlich keineswegs von selbst. Es erfordert vielmehr einen komplizierten philosophischen analytischen Denkprozess. Effektive Psychotherapie braucht einen bewussten, rationalen, wissenschaftlichen Moralkodex, ein Wertsystem, das auf den Fakten der Realität beruht und den Bedürfnissen des Menschenlebens auf der Erde angepasst ist.“ Branden behauptet, dass Psychiater und Psychologen eine schwere moralische Verantwortung übernehmen, wenn sie erklären, dass „philosophische und moralische Fragen sie nicht betreffen, dass die Wissenschaft keine Werturteile verkünden darf“, wenn sie „ihre beruflichen Verpflichtungen mit der Erklärung abschütteln, dass ein rationaler Moralkodex unmöglich sei, und durch ihr Schweigen geistigen Mord sanktionieren“.

Was ist ein rationaler Moralkodex?

Auf eine solche Frage erfolgt häufig die Antwort: „Wenn jeder nach dem moralischen Grund-Satz: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu“ leben würde, wäre alles in Ordnung.“ Das Unbefriedigende dieser Antwort liegt in der Tatsache, dass selbst dann, wenn wir anderen nur antun, was wir von ihnen angetan bekommen wollen, unser Tun destruktiv sein kann. Ein Mensch, der sein NICHT-O.K.(-Anteil) durch ein hartes andauerndes Spiel von „Schlag mich“ beruhigen will, tut niemandem einen Gefallen, wenn er diese Lösung auf andere projiziert. Dieser moralische Grund-Satz ist keine angemessene Richtschnur, nicht weil ihr Ideal falsch wäre, sondern weil die meisten Menschen nicht genügend Daten haben über das, was sie für sich selbst wollen, oder warum sie es so wollen. Sie kennen die Lebensanschauung ICH BIN NICHT O.K. – DU BIST O.K. nicht  und sind sich der Spiele nicht bewusst, die sie treiben, um ihre Last zu erleichtern. Menschen hören auf, den Grund-Satz der Moral und viele ähnliche „Glaubensinhalte“ ernst zu nehmen, weil sie nach ihren eigenen Erfahrungen nicht funktionieren.

Bertrand Russell schreibt: „Viele Erwachsenen glauben im Herzen immer noch alles, was man ihnen in der Kindheit beigebracht hat, und kommen sich sündhaft vor, weil ihr Leben mit den Maximen der Sonntagsschule nicht übereinstimmt. Der Schaden wurde nicht nur durch die Einführung einer Trennung zwischen der bewussten vernünftigen Persönlichkeit (Erwachsenen-Ich) und der unbewussten infantilen Persönlichkeit (Kindheits-Ich) angerichtet, der Schaden liegt auch in der Tatsache, dass die gültigen Bestandteile der konventionellen Moral zusammen mit den ungültigen diskreditiert werden. Diese Gefahr lässt sich von einem System nicht trennen, das die Jungen en bloc eine Anzahl von Glaubenssätzen lehrt, die sie fast mit Sicherheit verwerfen, sobald sie reif geworden sind.“

Gibt es also, wie Russell sagt, „gültige Bestandteile der konventionellen Moral“? Eine Funktion des befreiten Erwachsenen-Ichs ist die Untersuchung des Eltern-Ichs, damit es die Wahl hat, Daten aus dem Eltern-ich zu akzeptieren oder zu verwerfen. Wir müssen uns vor dem Dogma hüten, das Eltern-Ich in toto zu verwerfen, wir müssen vielmehr fragen: Gibt es hier noch etwas, was sich zu bewahren lohnt? Es ist klar, dass viele Daten des Eltern-Ichs zuverlässig sind. Immerhin wird unsere Kultur durch das Eltern-Ich übermittelt. Der Anthropologe Ralph Linton bemerkte, dass „ohne die Kultur, die vergangenen Errungenschaften bewahrt und jede folgende Generation nach ihren Mustern formt, der Homo sapiens nicht anderes wäre als ein auf dem Erdboden lebender anthropoider Affe, etwas abweichend im Körperbau und leicht überlegen an Intelligenz, doch ein Bruder von Schimpanse und Gorilla.“

Es lässt sich also feststellen, dass moralische Werte zuerst im Eltern-Ich auftauchen. Wir betrachten „sollte“ und „müsste“ als Worte des Eltern-Ichs. Die zentrale Frage dieses Kapitels heißt: Können „sollte“ und „müsste“ Worte des Erwachsenen-Ichs sein?

Ist eine Übereinkunft über moralische Werte möglich?

Gibt es eine objektive Moral, die Forderungen an alle Menschen stellt, oder müssen wir jeweils unsere eigene, individuelle, situationsgebundene Moral konstruieren? Victor Frankl spricht von der Verzweiflung der heutigen Jugend, die sich in einem, wie er es nennt, existenziellen Vakuum befindet, wo jeder Mensch der Mittelpunkt seines eigenen Universums ist, wo geleugnet wird, dass es irgendwelche Forderungen gibt, die von „außerhalb“ seiner selbst kommen.

Alle Moral in diesem Vakuum ist subjektiv. Wenn das stimmt, dann müssen wir in Betracht ziehen, dass es heute auf der Welt drei Milliarden „Moralitäten“ gibt, drei Milliarden Menschen, die ihre eigenen Wege gehen und leugnen, dass irgendwelche objektiven Prinzipien die Beziehungen zwischen den Menschen regieren. Doch es ist eine Tatsache, dass die Suche nach diesen objektiven Prinzipien und die Sehnsucht nach Beziehung eine universale Realität ist, die auch als persönliche Erfahrungstatsache empfunden wird. Es ist eine Tatsache, dass Menschen nicht ohne Beziehungen zu anderen Menschen leben können und wollen. Manche, die Rauschmittel nehmen, begründen ihren Drogengebrauch mit der von ihnen berichteten Transzendenz der psychedelischen Erfahrung, dass sie „dort draußen“ ein gemeinsames Sein entdecken, das alle Menschen verbindet. Obwohl ihr Medium der Transzendenz äußerst fragwürdig ist, müssen wir die auch darin sich äußernde, allgemeine Sehnsucht nach Beziehung anerkennen, die Fähigkeit zum Empfinden der Einheit, die Evolution des menschlichen Geistes bis zu einem Punkt, wo er begreift und fühlt und akzeptiert, dass Menschen, weil sie in Verbindung stehen, Forderungen aneinander haben.

Die Sehnsucht nach Verbundenheit ist eine Tatsache, auch wenn die Prinzipien dieser Verbundenheit nicht empirisch erfasst werden können. Wer aber den Gedanken verwirft, dass es eine objektive moralische Ordnung oder ein universales „Soll“ gibt, muss die Schwierigkeiten bedenken, die in dieser Ablehnung enthalten sind.

Die Existentialisten haben diese Vorstellung abgelehnt. Sartre behauptet, der Mensch schaffe sein eigenes menschliches Sein durch eine Folge von Entscheidungen, durch Handlungen, die ihn gestalten. Er argumentierte, dass der Mensch durch seine Taten seine eigene Definition des Menschen schafft, dass, um es verkürzt zu sagen, die Existenz des Menschen seinem menschlichen Sein vorausgeht. Der Mensch schafft danach nicht nur seine eigene wesentliche Menschlichkeit, er kreiert gleichzeitig auch die gesamte menschliche Würde. Er kann nur wählen, was gut für ihn ist, doch was gut für ihn ist, muss gut sein für die ganze Menschheit.

Joseph Collignon weist uns jedoch auf die Kehrseite der Medaille hin: „Der Mensch muss also die Verantwortung für jede Handlung übernehmen, und zwar nicht nur für sich selbst, sondern für die ganze Menschheit. Nicht ohne Grund sieht Sartre „Schmerz, Preisgegebensein und Verzweiflung“ als Teil dieses Loses – und des Loses jedes Existentialisten. Denn wenn kein Mensch und kein Glaube bei einer Entscheidung helfen können, die in ihrer Bedeutung kosmisch ist, dann kann man sich leicht die Verzweiflung vorstellen, die eine solche Philosophie beinhaltet… Der Existentialismus hat eine starke Anziehungskraft für die Jugend. Es ist aufregend, die Welt für absurd zu halten, denn das gibt einem ein Gefühl der Überlegenheit über die etablierte Ordnung, ein Gefühl der Beherrschung seiner selbst. Die Welt hört auf, eine fix und fertige philosophische Geschlossenheit zu haben; es gibt Raum für die Tat, für die Erschaffung menschlicher Würde, auch wenn man sie nur für sich selbst kreiert.

Aber es gibt auch die Desillusionierung. Vor einem halben Jahr stellte ich nach Beendigung einer Vorlesungsreihe über den Existentialismus fest, dass viele Studenten von dieser Philosophie begeistert waren. Die letzte Vorlesung wurde von der Schreckensmeldung vom Tod Präsident Kennedys unterbrochen. In die darauf folgende bestürzte Stille schrillte heftig und scharf eine Stimme: „Das war eine vollkommen existentialistische Tat.“ Obwohl er aufs bestimmteste von den anderen, unter denen viele weinten, zum Schweigen gebracht wurde, blieb der Gedanke bestehen: Ja, es war eine vollkommene existentialistische Tat. Darüber brauchte nicht geredet zu werden; es war herrlich, individuell und frei zu handeln, gewiss, aber durfte die Befreiung durch die Tat zum Mord an einem jungen Präsidenten werden? Die Tat, einen Präsidenten zu töten, mag eine lohnende Erfahrung bei der freien Ausübung des Willens für Harvey Lee Oswald gewesen sein, doch nicht für die übrige Bevölkerung und für die ganze Welt…“

Wenn es kein universales „Soll“ gibt, kann man nicht sagen, dass Albert Schweitzer ein besserer Mensch war als Adolf Hitler. Dann können wir lediglich feststellen, dass Albert Schweitzer dies und jenes getan hat, und dass Adolf Hitler dies und jenes getan hat. Auch wenn wir weiter anführen, dass Albert Schweitzer soundso viele Menschenleben geretet hat und Adolf Hitler Millionen Menschen sterben ließ, sind das nur statistische Daten im Buch der Geschichte ohne Bedeutung für eine ethische Reflexion über die Veränderbarkeit menschlichen Verhaltens. Der Wert von Völkern, von Menschen kann schließlich nicht wissenschaftlich bewiesen werden. Albert Schweitzer dachte, er habe recht. Adolf Hitler dachte, er habe recht. Dass beide recht hatten, ist ein offenkundiger Widerspruch. Doch nach welcher Norm bestimmen wir, wer recht hatte?

Der Wert des Menschen

Ich möchte behaupten, dass eine sinnvolle Annäherung an diese objektive moralische Ordnung oder letzte Wahrheit der Gedanke ist, dass Menschen wichtig sind, weil sie alle in einer universalen Beziehung miteinander verbunden sind, die ihre eigene persönliche Existenz übersteigt. Ist das eine sinnvolle Voraussetzung? Das hilfreichste analytische Konzept bei dem Versuch, diese Frage zu beantworten, ist der Schwierigkeitsvergleich. Es ist schwierig, zu glauben, dass Menschen wichtig sind, und es ist auch schwierig, zu glauben, dass sie es nicht sind.

Die Verneinung der Wichtigkeit von Menschen macht alle unsere Anstrengungen ihretwegen sinnlos. Warum dieses große Getue um die Psychiatrie, wenn Menschen nicht wichtig sind? Die Vorstellung, dass Menschen wichtig sind, ist ein moralischer Gedanke, ohne den jedes System zum Verständnis des Menschen sinnlos ist. Doch wir können diese Wichtigkeit nicht durch einen Syllogismus beweisen. Die Geschichte aller Zeiten scheint mit den unzähligen Zeugnissen von Erniedrigung und Zerstörung des Menschen umgekehrt eher die Ansicht zu bestärken, dass Menschen ohne besondere Bedeutung sind. Geburt, Qual und Tod von Milliarden Menschen, die auf dieser Erde gelebt haben, scheinen, falls es weder Richtung noch Plan für die menschliche Existenz geben sollte, logischer eine Einstellung zu unterstützen, nach der alle unsere Bemühungen, die Psyche der Menschen zu verstehen und Veränderungen im menschlichen Verhalten zu bewirken, sinnlos sind. Wir können nicht beweisen, dass die Menschen wichtig sind. Wir glauben es nur, weil es schwieriger ist, nicht daran zu glauben.

Ein Mensch“, schrieb Teilhard de Chardin, „wird nur so lange weiterforschen, wie ein leidenschaftliches Interesse ihn dazu treibt, und dieses Interesse wird von der für die Wissenschaft nicht exakt zu beweisenden Überzeugung abhängen, dass der Kosmos einen Sinn hat.“

Wir sind keine gewissenhaften Wissenschaftler, wenn wir die Tatsache außer acht lassen, dass dieses „leidenschaftliche Interesse“ tatsächlich in der ganzen menschlichen Geschichte, in Pogromen und dunklen Zeiten, in Kriegen und Konzentrationslagern fortbestanden hat. Wir mögen glauben. Aber wir können nicht die Tatsache ignorieren, dass die Frage nach der Bedeutung des Menschen immer ein philosophisches Rätsel gewesen ist. Wenn wir weder die Bedeutung der Menschen beweisen noch vernünftigerweise das Problem ignorieren können, was sollen wir dann tun?

Da jede Kultur den Wert von Menschen unterschiedlich einschätzt und da diese Information durch das Eltern-Ich vermittelt wird, können wir uns nicht auf das Eltern-Ich verlassen, wenn wir zu einer Übereinstimmung über die Bedeutung von Menschen kommen wollen. In vielen Kulturen einschließlich unserer eigenen wird das Töten vom Eltern-Ich (oder Teile davon) verziehen. Der Wert von Menschen ist also bedingt. Im Krieg wird das Töten akzeptiert. Die Todesstrafe ist in vielen Ländern sogar eine gesetzliche Vorschrift. Kindermord wurde in vielen Frühkulturen nach dem Prinzip praktiziert, die Besten der (eigenen!) Art zu erhalten. Selbst im 20. Jahrhundert komm Kindermord noch vor. Zum Beispiel gibt es unter den Tanala auf Madagaskar zwei Gruppen, die sich deutlich durch ihre Hautfarbe unterscheiden, obwohl sie sich in anderen körperlichen Merkmalen sehr ähneln und in Bezug auf Kultur und Sprache fast identisch sind. Diese Gruppen sind unter Bezeichnungen bekannt, die man grob als Roten Clan und Schwarzen Clan übersetzen könnte. Die normalen Angehörigen des Roten Clans sind hellbraun, die normalen Angehörigen des Schwarzen Clans tief dunkelbraun. Wenn im Roten Clan ein dunkles Kind geboren wird, über dessen Eltern kein Zweifel besteht, dann glaubt man, dass aus ihm ein Hexenmeister, ein Dieb, ein Blutschänder oder ein Leprakranker werden wird. Darum wird das Kind getötet. Dieser Glaube über den Wert „dieser Sorte Mensch“ wird durch das Eltern-Ich von Generation zu Generation übermittelt. Das kulturelle Eltern-Ich der meisten westlichen Länder stimmt damit nicht überein. Es entschuldigt jedoch andere Formen des Diskriminierung (z. B. Krieg), die ebenfalls zum Tod führen können.

Auch auf das Kindheits-Ich können wir uns nicht stützen, wenn wir zu einer Einigung über den Wert von Menschen kommen wollen. Das Kindheits-Ich ist verstümmelt durch sein eigenes NICHT-O.K.. Darum enthält es wenig positive Aussagen über seinen eigenen Wert, schon gar nicht über den Wert anderer. In jeder Gesellschaft braucht das Kindheits-Ich nur ausreichend „angeheizt“ zu werden, und schon explodiert es in einer Mordswut, die durchaus zum Mord führen kann, ja zum Massenmord.

Nur das emanzipierte Erwachsenen-ich kann sich mit dem emanzipierten Erwachsenen-Ich anderer darüber einigen, worin der Wert von Menschen liegt. Wir sehen ein, wie unangemessen Worte wie „Gewissen“ sind. Wir müssen fragen: „Was ist diese kleine dünne Stimme in uns? Was ist dieses Gewissen, nach dem wir leben? Kommt es vom Eltern-Ich, vom Erwachsenen-Ich oder vom Kindheits-Ich?

Bertrand Russell, den kein Dogma ruhen ließ, und sei es auch noch so verschleiert, schrieb: „Dieser inneren Stimme, diesem gottgegebenen Gewissen, das die „Bloody Mary“, Königin von England und Irland, antrieb, die Protestanten zu verbrennen, dem sollen wir vernünftigen Menschen folgen? Ich halte den Gedanken für verrückt, und ich trachte danach, mit der Vernunft so weit wie möglich zu kommen.“

Ich bin wichtig, du bist wichtig“

Nur das Erwachsenen-Ich in uns kann sich für den Gedanken entscheiden: „Ich bin wichtig, du bist wichtig.“ Eltern-Ich und Kindheits-Ich haben dazu nicht die Freiheit, weil sie einesteils an das gebunden sind, was sie in einer bestimmten gesellschaftlichen Umwelt gelernt und beobachtet haben, anderenteils an das, was sie dabei empfunden und verstanden haben.

Eine Versicherung des Erwachsenen-Ichs, dass Menschen wichtig sind, ist etwas ganz anderes als die Behauptung einer Patientin, die, mit geballten Fäusten, überschwenglich ausrief: „Ich liebe die Menschen.“ Diese Behauptung oder Variationen davon kamen aus ihrem anpassungsfähigen Kindheits-Ich: „Jetzt geh schon und gibt Tante Erna einen Kuss, Liebling!“ Die vierjährige Kleine tut es pflichtbewusst, obwohl Tante Erna ihr Furcht einflößt. Aber das kleine Mädchen tut es, und zwar mit empathischer Todesverachtung: „Ich liebe Tante Erna!“ Und schließlich macht sie ein Dogma daraus: „Ich liebe die Menschen!“ Aber immer noch ballt sie die Fäuste.

Wir müssen alle unsere eigenen Versionen von „Ich liebe die Menschen“ untersuchen, um zu verstehen, was wir wirklich empfinden und woher diese Daten kommen. Die meisten von uns halten an bestimmten Überzeugungen fest, die häufig aus der Indoktrination des Kindheits-Ichs durch das Eltern-Ich stammen, statt Folgerungen des Erwachsenen-Ichs auf der Grundlage mit Überlegung gesammelter Daten zu sein.

Im Gegensatz dazu geht das Erwachsenen-Ich etwa so an die Frage von der Wichtigkeit des Menschen heran:

Ich bin ein Mensch. Du bist ein Mensch. Ohne dich bin ich kein Mensch, denn nur durch dich wird die Sprache möglich, und nur durch die Sprache wird das Denken möglich, und nur durch Denken wird das Menschsein möglich. Du hast mich wichtig gemacht. Darum bin ich wichtig, und du bist wichtig. Wenn ich dich entwerte, entwerte ich mich selbst.

Das ist das Grundprinzip der Lebensanschauung ICH BIN O.K. – DU BIST O.K.

Alleim im Lichte dieser Anschauung sind wir Menschen und nicht Dinge. Die Rückkehr des Menschen auf seinen angestammten Platz als unverwechselbare Person ist das Thema der Erlösung oder Versöhnung oder Erleuchtung, das im Mittelpunkt aller großen Weltreligionen steht. Diese Grundanschauung erfordert, dass wir füreinander verantwortlich sind, und diese Verantwortung ist der äußerste Anspruch, der allen Menschen gegenüber gleichermaßen erhoben wird. Die erste Folgerung, die wir daraus ziehen können, heißt:

TÖTET EINANDER NICHT!

Es funktioniert nicht“

Das Problem des Bösen ist freilich eine Realität dieser Welt. Angesichts all des Bösen um uns herum mag die vierte Lebensanschauung, ICH BIN O.K. – DU BIST O.K., wie ein unmöglicher Traum erscheinen, und scheint keineswegs der Anschauung des Lebens, wie es ist, zu entspringen. Aber vielleicht nähert sich der Lauf der Welt rasch einer beispiellosen Konfrontation: Entweder wir respektieren die Existenz des anderen, oder wir gehen alle unter. Und selbst bei größerer Gleichgültigkeit müssten wir zugeben, dass es eine Schande wäre, eine Sache zu einem solchen Ende zu bringen, die unter so langen Mühen aufgebaut wurde. Teilhard, der mit seismographischem Erstaunen die Entfaltung des Kosmos als einen immer noch andauernden sich stets höher entwickelnden und einem zustrebenden evolutionären Prozess begreift, schließt sein großes Buch „Der Mensch im Kosmos“ dennoch mit einer schmerzlichen Betrachtung über das Böse im Kosmos. Er überlegt, ob vielleicht all das Leiden und Versagen, all die Tränen und das Blut nicht einen gewissen Exzess anzeigen, der, für unsere Vernunft unerklärlich, eintritt, wenn zu dem normalen Wirken der Evolution nicht der außerordentliche Anstoß einer Katastrophe oder Ur-Abweichung hinzugefügt wird.

Sind wir ein Irrtum der Evolution? Oder versprechen die erstaunlichen Ereignisse bei der Evolution zum Menschen hin noch größere arterhalende Entwicklungsschritte in der Zukunft? Teilhard nennt den Augenblick, als der erste Mensch reflektierte, als er sein Sein wusste „eine Mutation von Null zu allem“. Vielleicht nähern wir uns einem anderen bedeutsamen Punkt, wo wir wegen der Notwendigkeit der Selbsterhaltung eine weitere Mutation durchmachen, wo wir wieder einen Sprung machen können, um – mit neuer Hoffnung, die auf der Erkenntnis unseres Seins beruht – zu reflektieren:

Ich bin wichtig, du bist wichtig. ICH BIN O.K. – DU BIST O.K.

Ich glaube, dass die Transaktions-Analyse eine Lösung für das Dilemma des Menschen anbieten kann. Trotz der scheinbaren Vermessenheit dieser Behauptung lasse ich mich von J. Robert Oppenheimers Vision ermutigen, dass es zu einem „gemeinsamen Gespräch, einem ständigen Austausch zwischen der Welt der Wissenschaftler und der Welt der Menschen allgemein, der Künstler, Farmer, Juristen, Politiker“ kommen werde. 1947 schrieb er: „…weil die meisten Wissenschaftler, wie alle Gelehrten, zum Teil auch Lehrer sind, haben sie eine Verantwortung für die Vermittlung der Wahrheiten, die sie entdeckt haben.“ Nach seiner 1960 formulierten Ansicht müssen „Menschen, die mit höchst intellektuellen Unternehmungen beschäftigt sind, zur allgemeinen Kultur beitragen, wo wir miteinander reden, nicht nur über die Fakten der Natur…sondern über die Natur des menschlichen Dilemmas, über die Natur des Menschen, über das Gesetz, über das Gute und das Schlechte, über die Moral, über politische Tugend und über Politik.“

Wir sind dafür verantwortlich, unsere Entdeckungen bei der Beobachtung von Transaktionen zwischen Menschen auf das größere Problem der Erhaltung der Menschheit anzuwenden.

Das ursprüngliche Spiel ist die ursprüngliche Sünde

Ich glaube, dass es nach den vorliegenden Daten möglich ist, etwas Neues zum Problem des Bösen zu sagen. Sünde, oder Schlechtigkeit, oder das Böse, oder „die menschliche Natur“, wie immer wir auch den Makel in unserer Spezies nennen mögen, tritt in jedem Mensch auf. Mit der rätselhaften „Verfluchtheit“ des Menschen können wir einfach nicht argumentieren. Ich glaube, das universale Problem liegt darin, dass von Natur aus jedes kleine Kind, gleichgültig, in welche Kultur es hineingeboren wurde, aus seiner Situation heraus (der menschlichen Situation überhaupt) sich für die Lebensanschauung ICH BIN NICHT O.K. – DU BIST O.K. entscheidet oder für die beiden (späteren) anderen Variationen des Themas: ICH BIN O.K. – DU BIST NICHT O.K. oder ICH BIN NICHT O.K. – DU BIST NICHT O.K.

Das ist eine Tragödie, aber sie wird nicht nachweislich böse, ehe nicht das erste Spiel begonnen ist, ehe nicht der erste Schachzug gegen einen anderen Menschen getan wird, um die Last des NICHT-O.K. zu verringern. Diese erste Vergeltungsmaßnahme beweist seine „eingeborene Schlechtigkeit“ – oder ursprüngliche Sünde, die er, wie man ihm sagt, bereuen muss. Je härter er kämpft, um so größer ist seine Sünde, um so gekonnter werden seine Spiele, um so verdeckter wird sein Leben, bis er tatsächliche die große Entfremdung oder Isolierung empfindet, die Paul Tillich als Sünde definiert. Doch nicht, was er tut (die Spiele), ist das primäre Problem, sondern was er von sich hält (seine Grundanschauung). Tillich sagt: „Bevor Sünde eine Handlung wird, ist sie ein Zustand.“ Bevor es zu Spielen kam, wurde eine Lebensanschauung ausgebildet. Ich bin davon überzeugt, dass wir in diesem Zustand – mit der Grundanschauung ICH BIN NICHT O.K. dieses Grundproblem, das Ergebnis einer Entscheidung ist, die früh im Leben unter Druck, ohne entsprechende Verarbeitung und ohne Beistand getroffen wurde. Doch wenn wir die wahre Situation erkennen, können wir den Fall wiederaufnehmen und eine neue Entscheidung fällen.

Einer meiner Patienten sagte: „Ich spiele „innerer Gerichtssaal“, wobei mein Eltern-Ich die Rollen des Richters, der Geschworenen und der Urteilsvollstrecker übernimmt. Es ist eine Scheinverhandlung, denn mein Eltern-Ich entscheidet schon im Vorhinein, dass ich schuldig bin. Mir ist nie klar geworden, dass ein Angeklagter das Recht auf einen Verteidiger hat. Ich habe nie versucht, mein Kindheits-Ich zu verteidigen. Mein Eltern-Ich hat mir nicht erlaubt, sein Urteil anzufechten. Aber schließlich hat mein Computer funktioniert und mir bewusst gemacht, dass ich eine andere Möglichkeit habe: mein Erwachsenen-Ich kann die Rechtslage richtig einschätzen und für mein Kindheits-Ich sprechen. Das Erwachsenen-Ich ist der Rechtsanwalt.“ Durch die Einsicht, dass ICH BIN NICHT O.K: eine falsche Entscheidung war, kann jetzt die Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden. In der Bewährungszeit kann sich die Erkenntnis durchsetzen, dass es ungefährlich ist, die Spiele aufzugeben.

Eltern-Ich – Erwachsenen-Ich und Religion

Die meisten westlichen Religionen sind bestimmt vom Widerstreit zwischen Elern-Ich und Kindheits-Ich. Und das ist eigentlich paradox, wenn man bedenkt, dass die revolutionäre Wirkung der großen Religionsstifter das direkte Ergebnis ihres Mutes war, Eltern-Ich-Einrichtungen zu überprüfen und mit dem Erwachsenen-Ich weiter die Wahrheit zu suchen. Im Laufe nur einer Generation kann aus einer guten Sache eine schlechte Sache werden, aus einer Erfahrung ein Dogma. Das Dogma ist der Feind der Wahrheit und der Feind der Menschen. Das Dogma sagt: „Denke nicht! Sei weniger als ein Mensch!“ Die Ideen, die in einem Dogma eingeschlossen sind, mögen gut und weise sein, doch das Dogma ist schlecht an sich, weil es ohne Überprüfung (des Erwachsenen-Ichs) als gut akzeptiert wird.

Im Mittelpunkt der meisten Religionen steht ein Glaubensakt, durch den das Kindheits-Ich ein autoritäres Dogma übernimmt, wobei das Erwachsenen-Ich wenig oder gar nicht beteiligt ist. Darum ist die Moralität, die in die Struktur der Religion eingeschlossen ist, im Wesentlichen vom Eltern-Ich bestimmt. Sie ist veraltet, häufig ungeprüft und oft widersprüchlich. Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass wir mit Hilfe des Eltern-Ichs nicht zu einer Einigung über den Wert von Menschen kommen können, weil jede Kultur vom Eltern-Ich übermittelt wird. Darum behindert die Moralität des Eltern-Ichs eher die Idee einer universalen Ethik, die alle Menschen fordert, statt ihre Formulierung zu fördern. Die Grundanschauung ICH BIN O.K. – DU BIST O.K. ist nicht möglich, wenn sie davon abhängt, dass du akzeptierst, was ich glaube.

Ich beschränke die folgenden Beobachtungen auf die christliche Religion, weil sie die einzige ist, über die ich genug Daten zur Rechtfertigung meiner Behauptung habe. Die zentrale Botschaft Christi war der Begriff der Gnade. Gnade ist ein „vorbelastetes Wort“, aber man findet kaum einen Ersatz dafür. Der Begriff der Gnade ist nach der Interpretation von Paul Tillich, dem Vater aller „neuen christlichen Theologen“, eine theologische Formulierung von ICH BIN O.K. – DU BIST O.K. Es heißt nicht: DU KANNST O.K. SEIN, WENN oder DU WIRST ANGENOMMERN, FALLS, sondern

—> DU BIST ANGENOMMEN – ohne Bedingung.

Tillich illustriert das durch den Hinweis auf die Geschichte von der Dirne, die zu Jesus kam. Tillich schrieb: „Nicht Jesus vergibt der Frau, sonder er stellt fest, dass sie (bereits) Vergebung erfahren hat. Ihr Gemütszustand und die Ekstase ihrer Liebe deuten darauf hin, dass ihr etwas Besonderes widerfahren ist.“ Tillich stellte weiter fest: „Die Frau in Simons Haus kommt zu Jesus, weil ihr vergeben worden war“, nicht um Vergebung zu erlangen. Vielleicht wäre sie nicht zu ihm gekommen, wenn sie nicht bereits gewusst hätte, dass er sie mit Liebe, oder Gnade, oder ICH BIN O.K. – DU BIST O.K. empfangen würde.

Dieses Konzept ist für viele „religiöse Menschen“ unverständlich, weil es nur vom Erwachsenen-Ich begriffen werden kann, und viele religiöse Menschen sind von ihrem Eltern-Ich beherrscht. Das Eltern-Ich hat zu viele Vorbehalte gegenüber dem anderen, sein Credo heißt: DU KANNST O.K. SEIN, WENN. Das Kindheits-Ich hat sich andererseits viele Spiele ausgedacht, um dem Urteil des Eltern-Ichs zu entgehen. Ein Beispiel für ein solches Spiel ist „Religiöser Schlemihl“, eine Variation von „Schlemihl“, das Berne beschrieben hat. Bei diesem Spiel verbringt der Sünder (der das Spiel inszeniert) die Woche damit, dass er seine Mieter rauswirft, seine Angestellten unterbezahlt, seine Frau demütigt, seine Kinder anschreit, Sonntag Gott in feierlicher Verbrämung: „Tut mir leid“ und verlässt danach die Kirche mit dem schönen Gefühl: „Geschafft! Ende gut, alles gut“ – und das ist der Nutzeffekt für ihn.

Nicht alle „Sünder“ sind so deutliche Spieler. Doch weil ihr innerer religiöser Dialog sich vorwiegend zwischen Eltern-Ich und Kindheits-Ich abspielt, sind sie unentwegt in einer ängstlichen Buchhaltung guter und schlechter Werke befangen, wobei sie nie wissen, wie der Saldo aussieht.

Paul Tournier stellt fest, dass die religiöse Moral „das befreiende Erlebnis der Gnade (ICH BIN O.K. – DU BIST O.K.) durch die besessene Furcht vor einem Fehler ersetzt.“

Wenn wir mit Tillich unser Ur-Problem als einen Zustand (eine Entfremdung, eine NICHT O.K.-Einstellung, oder Sünde im Singular) begreifen und nicht als eine Handlung (Taten der Sünde, Spiele zur Überwindung der Grundeinstellung oder Sünden im Plural), dann verstehen wir, wie wenig eine ständig wiederholte „Beichte von Sünden“ eine Veränderung im Leben eines Menschen bewirken kann. Tillich schreibt, dass manche Menschen in der Gnade die Bereitschaft eines göttlichen Königs und Vaters sehen, immer wieder die Torheit und Schwäche seiner Untertanen und Kinder zu vergeben; ein solches Konzept der Gnade müssen wir zurückweisen, denn es ist nichts anderes als eine kindische Zerstörung der menschlichen Würde. Eine solche Sicht verstärkt nur noch das NICHT-O.K.. Unsere Grundanschauung ist es, die wir „beichten“, anerkennen, begreifen müssen. Dann können wir Spiele verstehen und unabhängig genug werden, auf sie zu verzichten.

Eine Beichte des Erwachsenen-Ichs unterscheidet sich sehr von einer Beichte des Kindheits-Ichs. Wo das Kindheits-Ich sagt: „Es tut mir wirklich leid…ICH BIN NICHT O.K….verzeih mir bitte…ist es nicht schrecklich“, kann das Erwachsenen-Ich kritisch feststellen, wo eine Änderung möglich ist, und dann die Konsequenzen ziehen. Beichte ohne Änderung ist ein Spiel. Das gilt für das Gotteshaus genauso wie für das Arbeitszimmer des Pastors oder die Sprechstunde eines Psychiaters.

Die nicht vom Erwachsenen-Ich ausgestrahlte Übertragung christlicher Doktrinen war der größte Feind der christlichen Gnadenbotschaft. Im Laufe der der Geschichte wurde die Botschaft verzerrt, bis sie in die Spielmuster jeder Kultur passte, in die sie eingeführt wurde. Die Botschaft ICH BIN O.K. – DU BIST O.K. wurde immer wieder verdreht bis zu der Anschauung WIR SIND O.K. – DU BIST NICHT O.K.. Unter dieser Sanktion wurden Juden verfolgt, Rassenfanatismus wurde moralisch und gesetzlich gerechtfertigt, immer wieder kam es zu bestialisch geführten Religionskriegen, Hexen wurden verbrannt und Ketzer zu Tode gefoltert. Die Lehre von der Gnade ICH BIN O.K – DU BIST O.K. ist kaum mehr zu erkennen in Doktrinen wie jenen von den Auserwählten und der Prädestination, die unter den Flüchen des Eltern-Ichs und unter dem Toben des Kindheits-Ichs von Figuren wie Elmer Gantry und Jonathan Edwards verkündet wurden. Sie verstanden unter den Freuden des Himmels einen Logenplatz zur Rechten Gottes, wo sie zuschauen können, wie die Verdammten in der Hölle braten.

Das war ein hartes Spiel, das die Menschen dazu bringen sollte, sich zu krümmen und zu winden. Heute bleiben viele Pfarrer gelassen, wenn es um die Sünde und Buße von Einzelpersonen geht. Sie attackieren die Sünde der Gesellschaft und wollen die Gesellschaft dazu bringen, sich zu winden. Dieser „Angriff“ reicht von einem milden soziologischen Vortrag bis zur wütenden Attacke auf die soziale Ungerechtigkeit. Doch Slums und Ghettos und Menschenverachtung werden aus der Gesellschaft erst dann verschwinden, wenn Slums und Spiele aus den Herzen der Menschen verschwinden.

Traurige Beispiele dafür sind viele Volksabstimmungen. So wurde 1964 in Kalifornien ein Volksentscheid über die sogenannte Proposition 14 herbeigeführt. Die Proposition 14 beantragte, dass die von Washington erlassenen Gesetze über die Freiheit der Wohnungswahl für Angehörige aller Rassen in Kalifornien nicht rechtskräftig werden sollten. Die Wahlberechtigten sollten also entscheiden, ob sie Ernst machen wollten mit der Rassenintegration vor ihrer eigenen Haustür. Proposition 14 war ein reaktionäres Apartheitsgesetz. Der Standpunkt der „Gesellschaft“ war klar: Fast jede wichtige Organisation im Staat Kalifornien war offiziell dagegen – fast alle religiösen Vereinigungen, Schulträgerschaften, die großen politischen Parteien, die Handelskammer, die Gewerkschaften, die Vereinigung der Rechtsanwälte und der Lehrer-Eltern-Verband, um nur einige der repräsentativen Organisationen zu nennen. Aber die „apartheitliche“ Proposition 14 wurde wurde trotzdem mit Zwei-Drittel-Mehrheit angenommen. Was die Gesellschaft tun sollte, steht auf einem anderen Blatt als was die Individuen zu tun wagen.

Dass sie auf diesen ausschlaggebenden Gebieten keine Änderung bewirken konnten, hat viele Pfarrer zur Verzeiflung getrieben, hat viele bewogen, ihr Amt zu verlassen, und andere dazu gebracht, resigniert den „konservativen Standpunkt“ zu teilen, nach dem trotz erhabener Verkündigung die Kirche im Grunde nur eine Quelle von Eltern-Ich-Diktaten ist, die alles beim alten lassen wollen – der Staat soll weiterhin den Mammon (die Kirchensteuer) eintreiben, die Kirche verwaltet möglichst effektiv ihre Millionen wie sie Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen verwaltet. Es geschieht viel Gutes, doch angesichts des Zustands der Welt reichen diese Aktivitäten kaum aus. Junge Theologen, die heute aus den Seminaren kommen und von Bonhoeffer, Tillich und Buber inspiriert sind, werden deprimiert und desillusioniert, wenn sie feststellen, dass ihre Aufgabe darin besteht, Schiedsrichter bei den Spielen der Kirche zu sein, auf die Kinder aufzupassen, nette gesellschaftliche Veranstaltungen für die Jugendlichen zu planen und junge Mädchen davor zu schützen, dass sie schwanger werden. Der Kontrakt besagt: Eigentlich müssen wir uns nicht ändern: wir sind doch so nette Leute. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der historische Jesus heute von vielen Sonntagsmorgen-Gottesdiensten ausgeschlossen würde. Jesus wurde als Weinsäufer und Fresser beschimpft, weil er gern in der Gemeinschaft gewöhnlicher Menschen war. Das bürgerliche Eltern-Ich der Sonntagschristen im 20. Jahrhundert sagt: „Man beurteilt dich nach deinen Freunden; verkehre nicht mit solchen Leuten.“ (Erinnert an das Lied „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“).

Jesus sagte: „Füttert meine Schafe.“
Das Eltern-Ich sagt: „Dafür bezahlen wir Kirchensteuern.“

Jesus sagte: „Gesegnet sind die Armen und Schwachen.“
Das Kindheits-Ich sagt: „Meins ist besser als deins.“

Jesus nannte als wichtigstes Gebot: „Du sollst Gott deinen Herrn von ganzen Herzen lieben und deinen Nächsten wie dich selbst“.
Das Eltern-Ich sagt: Wir wollen keine Gastarbeitermassen in unserer Nachbarschaft.“
Auch das Kindheits-Ich ist beteiligt. Es hat Angst vor „denen da“.

Unglücklicherweise haben viele, deren Erwachsenen-Ich „all diese Widersprüche und Heuchelei nicht verkraften“ kann, das Kind mit dem Bad ausgeschüttet und die ursprüngliche Botschaft Christi zusammen mit dem trüben Wasser des „Christentums“ ausgekippt. Die „neuen Theologen“ haben sich der Aufgabe zugewandt, die einfache Botschaft der persönlichen Befreiung wieder einzusetzen und den Schlamm des institutionellen Dogmas zu beseitigen.

Wenn die persönliche Befreiung der Schlüssel zur sozialen Veränderung ist und wenn die Wahrheit uns frei macht, dann besteht die Hauptfunktion der Kirche darin, einen Ort zur Verfügung zu stellen, wo die Menschen die Wahrheit hören können. Die Wahrheit ist nicht etwas, was bei einem kirchlichen Gipfeltreffen beschlossen oder in ein schwarzes Buch gebunden wurde. Die Wahrheit ist eine wachsende Sammlung von Daten über das, was nach unseren Beobachtungen wahr ist. Wenn die Transaktions-Analyse zu der Wahrheit gehört, die den Menschen befreit, dann sollten die Kirchen für ihre Verbreitung sorgen. Dieser Meinung sind viele Pfarrer, die in der Transaktions-Analyse ausgebildet wurden und nun entsprechende Kurse für ihre Kirchenmitglieder leiten oder die Methode bei ihrer Seelsorge anwenden.

Was ist eine religiöse Erfahrung?

Gibt es so etwas wie ein religiöses Erlebnis, oder handelt es sich dabei einfach um eine psychologische Verirrung? Wird der Geist nur von einem Wunsch mitgerissen, wie Freud meinte, oder ist hier mehr im Spiel als Einbildung? Die Fähigkeit, über ein religiöses Erlebnis zu reflektieren, ist an sich schon bedeutsam. Woher kommt unser Vorstellungsvermögen von Gott oder „dem Mehr“ oder der Transzendenz? Entsteht die Gottesidee einfach aus der Furcht vor dem Unbekannten? Berichtete man anfänglich von religiösen Erlebnissen, um andere durch die Behauptung der Existenz außerirdischer Kräfte zu manipulieren? Entstand und überlebte die Gottesidee einfach, weil sie irgendwie mit dem darwinistischen Überleben des Tüchtigsten in Zusammenhang stand? In „Der Mensch im Kosmos“ vertritt Teilhard den folgenden Standpunkt zur Evolution:

Wir sind definitiv gezwungen, die Vorstellung aufzugeben, jeden Fall einfach mit dem Überleben des Tüchtigsten zu erklären oder mit einer mechanischen Anpassung an Umwelt und Nutzen. Je häufiger ich auf dieses Problem stoße und je länger ich darüber nachgrüble, um so stärker gewinne ich den Eindruck, dass wir es tatsächliche mit einem Effekt nicht äußerer Kräfte, sondern der Psychologie zu tun haben. Entsprechend der gegenwärtigen Denkweise entwickelt ein Tier seine fleischfressenden Instinkte, weil seine Backenzähne schneidend und seine Klauen scharf werden. Sollte wir die Behauptung nicht umkehren? Mit anderen Worten, wenn der Tiger seine Fänge in die Länge zieht und seine Klauen schärft, geschieht das nicht eher, weil er entsprechend seine Abkunft die „Seele eines Fleischfressers“ empfängt, entwickelt und weitergibt?“

Es könnte sein, dass sich durch den langen Evolutionsprozess etwas im Zustand des Menschen verändert hat, das zunächst als die Vorstellung der Transzendenz und als als die Transzendenz selbst erscheint.

Teilhard schreibt weiter im gleichen Buch: „Das Gesetz ist formal. Wir haben bereits darauf hingewiesen, als von der Geburt des Lebens die Rede war. Keine Größe der Welt kann immerzu weiterwachsen, ohne früher oder später einen kritischen Punkt zu erreichen, der eine Zustandsveränderung mit sich bringt.“

Zur ersten bemerkenswerten Zustandsveränderung bei der Entwicklung des Menschen kam es, als er die Schwelle der Reflexion überschritt. Teilhard nennt das eine kritische Verwandlung, eine „Mutation von Null zu allem.“ Durch die Kraft der Reflexion ist aus der Zelle „jemand“ geworden. Teilhard meint, diese Schwelle habe mit einem Schritt überquert werden müssen und sei ein „transexperimentales Intervall“ gewesen, „über das wir aus wissenschaftlicher Sicht nichts sagen können, jenseits der wir uns jedoch auf einer völlig neuen biologischen Ebene befinden““.

Ist es angesichts der „unmöglichen, beispiellosen“ Entwicklung des denkenden Menschen nicht sinnvoll und mit dem evolutionären Prozess im Kosmos vereinbar, zu sagen, dass sich ein „unmöglicher, beispielloser“ transzendenter Mensch entwickelt haben könnte? Transzendenz bedeutet ein Erlebnis dessen, was mehr ist als ich selbst, eine Realität außerhalb von mir, die Das Andere, Das All oder Gott genannt worden ist. Es handelt sich nicht um ein „Aufsteigen“ wie auf den vorkopernikanischen Gemälden: in der Vorstellung der Tiefe ist es besser ausgedrückt. So versteht es auch Tillich in „Das neue Sein“:

Der Name dieser unendlichen und unerschöpflichen Tiefe, des Grunds alles Seins, ist Gott. Diese Tiefe ist, was das Wort Gott bedeutet. Und wenn das Wort diese Bedeutung für euch nicht hat, dann übersetzt es und sprecht von den Tiefen eures Lebens, von der Quelle eures Seins, von euren äußersten Belang, von dem, was ihr ohne Einschränkung ernst nehmt. Vielleicht müsst ihr dazu alles Traditionelle vergessen, was ihr über Gott gelernt habt, vielleicht sogar das Wort selbst. Denn wenn ihr wisst, dass Gott Tiefe bedeutet, dann wisst ihr viel über ihn. Dann könnt ihr euch nicht Atheisten oder Ungläubige nennen. Denn ihr könnt nicht denken oder sagen: Das Leben hat keine Tiefe! Das Leben ist seicht. Sein selbst ist nur Oberfläche. Wenn ihr das in vollem Ernst sagen könntet, wärt ihr Atheisten; doch andernfalls seid ihr es nicht.“

Was geschieht also bei einem religiösen Erlebnis? Meiner Meinung nach ist das religiöse Erlebnis eine einmalige Verbindung des Kindheits-Ich (ein Gefühl der Intimität) mit dem Erwachsenen-Ich (eine Reflexion über die letzten Dinge) bei völligem Ausschluss des Eltern-Ichs. Ich glaube, um den völligen Ausschluss des Eltern-Ichs handelt es sich bei der Kenose oder Selbstentäußerung. Diese Selbstentäußerung ist ein gemeinsames Kennzeichen aller mystischen Erlebnisse. Ich glaube, man entäußert sich dabei des Eltern-Ichs. Wie kann man Glück oder Ekstase in Gegenwart jener Aufzeichnungen im Eltern-Ich erleben, die ursprünglich das NICHT-O.K. Bewirkt haben? Wie kann ich das Angenommensein in Gegenwart der am frühesten empfundenen Ablehnung empfinden? Es stimmt, dass die Mutter anfangs an der Intimität teilnahm, doch diese Intimität hatte keinen Bestand, sie war bedingt und „nie genug“. Ich glaube, die Funktion des Erwachsenen-Ichs beim religiösen Erlebnis besteht darin, das Eltern-Ich auszusperren, damit das natürliche Kindheits-Ich wieder zu seinem eigenen Wert und seiner eigenen Schönheit als Teil von Gottes Schöpfung erweckt werden kann.

Der kleine Mensch empfindet das Eltern-Ich also O.K. Oder, religiös ausgedrückt, als gerecht. Tillich sagt: „Die Gerechtigkeit der Gerechten ist eine harte, selbstgewisse Gerechtigkeit.“ (So sieht der kleine Mensch seine Eltern, selbst wenn sie tatsächlich nach anderen Maßstäben nicht gerecht sind.) Tillich fragt. „Warum wenden Kinder sich von ihren rechtschaffenen Eltern ab, Männer von ihren rechtschaffenen Frauen und umgekehrt? Warum wenden Christen sich von ihren rechtschaffenen Pastoren ab und so viele Menschen von ihren rechtschaffenen Mitmenschen? Warum gibt es so viele, die einem rechtschaffenen Christentum den Rücken kehren und sich damit abwenden von einem Jesus, wie ihn dieses Christentum darstellt, von dem Gott, den es verkündet? Warum wenden sich sich denen zu, die nicht als die Gerechten gelten? Oft zweifellos, weil sie einer Verurteilung entgehen wollen.“

Das religiöse Erlebnis ist das Ausbrechen aus dem Gefängnis der Urteile und der Verurteilungen, ist bedingungslose Aufnahme. Der „Glaube der Väter“ ist nicht das gleiche wie mein Glaube, auch wenn ich in der Ausübung meines Glaubens das gleiche Erlebnis entdecken kann wie sie, mit dem gleichen Gegenstand wie sie.

Es gibt eine Art des religiösen Erlebnisses, die sich qualitativ von dem gerade beschriebenen, sich des Eltern-Ichs entäußerten Erlebnis unterscheiden mag. Das ist das Gefühl großer Erleichterung, das aus der totalen Anpassung an das Eltern-Ich entsteht. „Ich werde mein böses Tun aufgeben, und genauso sein, wie ihr (das Eltern-Ich) mich haben wollt.“ Ein Beispiel dafür ist eine „bekehrte“ Frau, die sich zum Beweis ihrer Erlösung als erstes den Lippenstift abwischt. Rettung wird nicht als unabhängige Begegnung mit einem gnädigen Gott verstanden, sondern als die endlich gewonnene Anerkennung der Frommen, von denen die Regeln stammen. Der „Wille Gottes“ ist der Wille des Eltern-Ichs in der Gemeinde.

Freud glaubte, dass die religiöse Ekstase so entsteht: Das Kindheits-Ich fühlt sich omnipotent, weil es sich dem omnipotenten Eltern-Ich ergeben hat. Die Grundeinstellung heißt ICH BIN O.K. SOLANGE ICH… Die Versöhnung bewirkt so köstliche Gefühle, dass man nach einer Wiederholung hungert. So kommt es zum „Rückfall“, der den Weg zum nächsten „Versöhnungs“-Erlebnis pflastert. Das Erwachsenen-Ich ist diesem Erlebnis nicht beteiligt. Das religiöse Erlebnis von Kindern mag dem entsprechen. Wir können die religiösen Erlebnisse anderer nicht beurteilen, weil es keine sichere, objektive Möglichkeit gibt zu wissen, was ihnen wirklich widerfährt. Wir können nicht sagen, das Erlebnis eines Menschen sei echt und das eines anderen nicht.

Eine subjektive Einschätzung lässt sich jedoch glauben, dass ein Unerschied besteht zwischen einem religiösen Erlebnis, das auf dem Beifall des Eltern-Ich beruht, und einem religiösen Erlebnis auf der Basis einer bedingungslosen Annahme.

Wenn es stimmt, dass wir uns bei dem zuerst beschriebenen religiösen Erlebnis des Eltern-Ichs entäußern, dann bleiben Kindheits-Ich und Erwachsenen-Ich zurück. Ob Gott vom Kindheits-Ich oder vom Erwachsenen-Ich erlebt wird, ist eine faszinierende Frage. Man hat gesagt, der Gott der Philosophen sei nicht der gleiche Gott wie der Abrahams, Isaaks und Jakobs. Der Gott der Philosophen ist eine „Denk“-Konstruktion, eine erwachsene Suche nach dem Sinn, eine Reflexion über die Möglichkeit Gottes. Abraham, Isaak und Jakob „gingen mit Gott und sprachen mit Gott“. Sie haben Transzendenz erlebt. Sie haben sie empfunden. Ihr Kindheits-Ich war beteiligt. (Anfügung: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder)

Die Theologie ist eine Sache des Erwachsenen-Ichs. Das religiöse Erlebnis betrifft auch das Kindheits-Ich, vielleicht sogar nur das Kindheits-Ich. Immerhin hatte der Abraham, der Gott aus dem Lande Ur folgte, die Thora nicht gelesen, und Paulus wurde ohne Hilfe des Neuen Testamentes bekehrt. Sie berichteten von einem Erlebnis, das ihr Leben veränderte.

Wir reden, das wir wissen, und zeugen, das wir gesehen haben“, schrieb Johannes. Vielleicht hingen Spontanität und Vitalität der frühen Kirche mit der Tatsache zusammen, dass es keine formale christliche Theologie gab. Die frühe christliche Literatur war im wesentlichen ein Bericht über das, was geschehen war und was gesagt worden war. „Ich war blind und bin sehend geworden.“ ist die Mitteilung eines Erlebnisses und keine interessante theologische Idee. Die ersten Christen kamen zusammen, um über eine aufregende Begegnung mit einem Mann namens Jesu zu reden, der mit ihnen ging, mit ihnen lachte, mit ihnen weinte und dessen Aufgeschlossenheit für die Menschen und dessen Mitgefühl mit ihnen ein großes historisches Beispiel für ICH BIN O.K. – DU BIST O.K. war.

H. G. Wells sagte: „“Ich bin ein Historiker. Ich bin kein gläubiger Mensch. Aber ich muss als Historiker zugeben, dass dieser arme Prediger aus Galiläa unausweichlich der Mittelpunkt der Geschichte ist.“ Die ersten Chrsiten vertrauten ihm und glaubten ihm, und sie änderten sich. Sie sprachen miteinander über das, was geschehen war. Es gab wenig von dem starren Ritual und dem passiven Dämmern, die für unsere heutigen Kirchen so kennzeichnend ist.

Harvey Cox, der Harvard-Theologe, sagte in einem Interview: „Die ersten Zusammenkünfte der Anhänger Jesu…waren ohne das kultische Zeremoniell der meisten gegenwärtigen Gottesdienste. Die Christen versammelten sich zum Brotbrechen, wie sie es nannten – das heißt, zu einem gemeinsamen Mahl. Sie aßen Brot und tranken Wein, erinnerten sich an die Worte Jesu, lasen Briefe von den Aposteln und anderen Christengruppen, tauschten Ideen aus, sangen und beteten. Ihre Gottesdienste waren ziemlich lärmende Angelegenheiten…eher mit den Siegesfeiern einer Fußballmannchaft verleichbar als mit dem, was wir heute im allgemeinen Gottesdienst nennen.“

Sie hatten einen neuen, revolutionären Lebensstil, der auf ICH BIN O.K. – DU BIST O.K. beruhte. Wenn das Christentum nur eine intellektuelle Idee gewesen wäre, hätte es seine schwachen Anfänge wahrscheinlich nicht überlebt. Es hat überlebt, weil seine Ankunft ein historisches Ereignis war wie Abrahams Auszug aus dem Lande Ur, wie der Exodus von Moses aus Ägypten, wie die Bekehrung des Paulus auf der Straße nach Damaskus. Wir mögen das religiöse Erlebnis nicht verstehen, wie mögen es unterschiedlich erklären, aber wenn wir ehrlich sind, können wir nicht leugnen, dass ehrenhafte Männer im Laufe der Jahrhunderte davon berichtet haben.

Wir wird ein religiöses Erlebnis empfunden?

Nach den Berichten ist ein religiöses Erlebnis mehr als die Gegenwart Gottes als das Wissen von Gott. Vielleicht ist es tatsächlich unbeschreiblich und die einzige objektive Bestätigung kann in der Veränderung gesehen werden, die es in das Leben eines Menschen bringt, Diese Veränderung nimmt man bei Menschen wahr, die das NICHT-O.K. aus ihren Grundanschauungen entfernen können, an denen sie im Hinblick auf sich und andere festgehalten haben. Die Entscheidung für die Position ICH BIN O.K. – DU BIST O.K. wurde in Berichten als ein Bekehrungserlebnis überliefert.

Die folgende Beschreibung von Tillich scheint dem Empfinden des religiösen Erlebnisses nachzukommen. Er beginnt mit der Frage: „Wisst ihr, was es heißt, von der Gnade durchdrungen zu sein“? (Ich möchte das abwandeln: Wisst ihr, was es heißt, ICH BIN O.K – DU BIST O.K. zu erleben?)

Seine Antwort lautet: „Es heißt nicht, dass wir plötzlich an Gottes Existenz glauben oder daran, dass Jesus der Erlöser ist, oder dass die Bibel die Wahrheit enthält. Zu glauben, dass etwas ist, steht fast im Widerspruch zur Bedeutung der Gnade. Weiter heißt Gnade nicht, dass wir Fortschritte machen in unserer moralischen Selbstkontrolle, in unserem Kampf gegen die Gesellschaft. Moralischer Fortschritt mag eine Furcht der Gnade sein; doch er ist nicht die Gnade selbst, und er kann uns sogar daran hindern, Gnade zu empfangen…Und ganz gewiss erleben wir die Gnade nicht…solange wir in unserer Selbstgefälligkeit glauben, ihrer nicht zu bedürfen. Die Gnade trifft uns, wenn wir in großer Not und Unruhe sind. Sie trifft uns, wenn wir durch das dunkle Tal eines sinnlosen und leeren Lebens wandern. Sie trifft uns, wenn wir unsere Entfremdung tiefer als gewöhnlich empfinden, weil wir ein anderes Leben verletzt haben. Sie trifft uns, wenn unser Ekel vor unserem eigenen Sein, unserer Gleichgültigkeit, unserer Schwäche, unserer Feindseligkeit, unserem Mangel an Richtung und Gelassenheit uns unerträglich geworden ist. Sie trifft uns, wenn Jahr um Jahr die ersehnte Vollendung unseres Lebens nicht zustande kommt, wenn uns wie vor Jahrzehnten alte Zwänge beherrschen, wenn die Verzweiflung alle Freude und allen Mut zerstört. Manchmal bricht in einem solchen Augenblick ein Lichtstrahl in unsere Dunkelheit, und es ist, als spräche eine Stimme: „Du bist angenommen, angenommen von dem, der größer ist als du, und dessen Namen du nicht kennst. Frage jetzt nicht nach dem Namen; vielleicht wirst du ihn später erfahren. Versuche jetzt nicht, irgend etwas zu tun; vielleicht wirst du später viel tun. Suche nichts; leiste nichts; plane nichts. Nimm einfach die Tatsache an, dass du angenommen bist!

Wenn uns das geschieht, dann erleben wir die Gnade. Nach einer solchen Erfahrung sind wir vielleicht nicht besser als zuvor, und vielleicht glauben wir nicht mehr als zuvor, doch alles ist verwandelt. In diesem Augenblick besiegt die Gnade die Sünde, und die Versöhnung überbrückt die Kluft der Entfremdung. Und nichts wird von diesem Erlebnis gefordert, keine religiösen oder moralischen oder intellektuellen Voraussetzungen, nichts als es anzunehmen.

Im Licht dieser Gnade begreifen wir die Macht der Gnade in unserer Beziehung zu anderen und zu uns selbst. Wir erleben die Gnade einem andern offen in die Augen schauen zu können, die wunderbare Gnade einer Wiedervereinigung des Lebens mit dem Leben.“

Das ist Intimität. Das ist Bewusstheit. Berne erklärte in „Spiele der Erwachsenen“: „Bewusstheit ist die Fähigkeit, auf unverwechselbar eigene Art eine Kaffeekanne zu sehen und die Vögel singen zu hören, und nicht so, wie es einem beigebracht worden ist.“

Tillich spricht vom Erleben Gottes oder der Gnade auf seine eigene Art und nicht so, wie es ihm beigebracht worden ist. Jede vorprogrammierte Vorstellung vom Wesen Gottes steht dem Erleben Gottes im Weg. Darum glaube ich, dass ein wesentlicher Aspekt des religiösen Erlebens der Intimität der Ausschluss des Eltern-Ichs ist.

Berne sagt, ebenfalls in „Spiele der Erwachsenen“: „Ein kleiner Junge ist entzückt, wenn er die Vögel sieht und hört. Dann kommt der „gute Vater“ und fühlt das Bedürfnis, seinen Erfahrungsschatz mit seinem Sohn zu „teilen“ und ihm in seiner „Entwicklung“ behilflich zu sein. Er sagt zum Ihm: „Das ist ein Häher, und das ist ein Spatz.“ Von dem Augenblick an, in dem sich der Junge damit befasst, welches nun der Häher ist und welches der Spatz, kann er die Vögel nicht mehr richtig sehen oder singen hören. (Anfügung: Erinnert mich an „Ihr bringt mir alle die Dinge um). Er muss sie nun so sehen und hören, wie der Vater es verlangt. Der Vater hat für sein Verhalten durchaus plausible Gründe, denn nur wenige Menschen können es sich leisten, ihr Leben damit zu verbringen, dass sie dem Gesang der Vögel lauschen; je eher er also mit der „Erziehung“ seines Kindes beginnt, desto besser ist das für ihn…Es gibt nur noch einige wenige Menschen, die auf die alte Weise sehen und hören können. Die weitaus meisten Menschen haben jedoch die Fähigkeit verloren…und sie haben nicht mehr die Wahlmöglichkeit, unmittelbar zu sehen und zu hören, selbst dann nicht, wenn sie es sich eigentlich leisten könnten; sie sind gezwungen, ihre Eindrücke aus zweiter Hand zu empfangen.“

Aus diesem Grund kann die Theologie oder die Religion dem religiösen Erlebnis im Wege stehen. Es ist schwer, Ekstase zu erleben, wenn der Kopf voll ist von einem weibischen Bildnis Jesu, Engeln mit kitschigen Flügeln, der Schlange im Paradies, Auserwählungen oder raffinierten Höllenqualen. Intimität ist ein Erlebnis des natürlichen Kindheits-Ichs (des Kindes, das auf seine Art die Vögel singen hört.) „Eine höchst ungünstige Wirkung“, sagt Berne, „übt auf sie im allgemeinen die Adaptation an die Einflüsse des Eltern-Ichs aus, und unglücklicherweise ist das nahezu überall in der Welt der Fall.

Die Adaptation beginnt bei der Geburt. Jesus sagte: Wer das Reich Gottes nicht empfähet als ein Kindlein, der wird nicht hineinkommen.“ Ich glaube, das Kindlein, von dem Jesus spricht, ist das wiedergeborene natürliche Kindheits-Ich. Seine Wiedergeburt ist möglich, wenn das Erwachsenen-Ich das NICHT-O.K. begriffen hat, das durch den Adaptations- oder Akkulturationsprozess entstanden ist. Wenn wir das Eltern-Ich ausschalten, ist sogar Intimität mit unseren Eltern möglich. Auch sie haben unter dem Adaptationsprozess gelitten.

(Thomas A. Harris – Werk: Ich bin o. k. Du bist o. k.)

Anmerkungen:

Tiefe Intimität in der Sexualität

Ich habe schon Sexualität erlebt, die einem religiösen Erlebnis gleicht! Das Erlebnis der Transzendenz in der Ekstase.
Totale Hingabe mit der Grundanschauung:
Ich bin o.k. – Du bist o.k.
Völlige Intimität – So nah wie möglich, näher geht nicht.
(Totale Ausschaltung des Eltern-Ichs durch gegenseitige bedingungslose Annahme).

Erbsünde

Von Generation zu Generation wird sie weitergereicht durch falsches Verhalten der Eltern und ein erstes darauffolgendes „Spiel“. Das ist der Punkt, an dem die Sünde besiegt werden kann. Durch die bedingungslose Annahme in Jesus Christus, können die Anteile des uns vermittelten NICHT-O.K. erlöst werden.

Das ist meine Hoffnung für mich und für dich!

Das Reich Gottes ist mitten unter euch / (inwendig in euch)!

Jeder kann sich ändern durch die Eliminierung des inwendigen NICHT-O.K.

AMEN!

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