Den Sünder lieben und die Sünde hassen! Ist das überhaupt möglich?

Was sagt die Bibel?
Ist Homosexualität Sünde?
© Christlich-Sicher-Geborgen.net
Hier ein erster Artikel zum Thema Sünde von Valeria Hinck, Autorin des
Buches:
Streitfall Liebe
Biblische Plädoyers wider die Ausgrenzung
homosexueller Menschen
Mit einem Vorwort von Klaus Douglass
Claudius Verlag
ISBN-Nr. 3-532-62293-9
Sünde hassen – Sünder lieben
„Die Sünde hassen und den Sünder lieben“ – Einige Gedanken zu einem
unseligen Satz, der so nicht in der Bibel steht (mit Genehmigung der
Autorin).
Wir Homosexuelle begegnen in Gesprächen vielen Klischeevorstellungen.
Und vielen Standardsätzen, die von den führenden „Meinungsmachern“
übernommen und bis zum Überdruß wiederholt werden, deren
Sinnhaftigkeit – oder biblische Legitimation – aber kaum jemand
hinterfragt. Mit einem dieser „Leitsätze“, der mir längst zum „Leid-Satz“
wurde, obwohl er gar nicht allein uns Homosexuelle betrifft, möchte ich
mich hier beschäftigen!
Kaum etwas hat ein homosexueller Christ in seinem Leben öfter gehört,
als eine der zahlreichen Variationen dieses Satzes: Jesus liebe zwar den
Sünder, aber er hasse die Sünde. Sogar über den konservativ-christlichen
Horizont hinaus wurde er inzwischen so bekannt, dass er in „weltliche“
Kino-Filme Einzug hielt[1]…
Angewendet auf Homosexuelle wird dies in der Regel so ausgelegt, dass
ein entsprechend Veranlagter in der Gemeinde Christi zwar „herzlich
willkommen“ zu heißen, die „praktizierte Homosexualität“ aber in aller
Schärfe abzulehnen sei. Ein Zeichen der „wahren“ Liebe stelle vielmehr die
klare Aufforderung dar, seelsorgerlich-therapeutische Hilfe in Anspruch zu
nehmen, um einen Ausweg aus der Homosexualität zu finden. Die große Mehrheit konservativer Christen geht davon aus, dass gelebte
Homosexualität in jedem Fall Sünde ist und damit für Christen nicht
akzeptabel. Dies entspricht natürlich nicht meiner Überzeugung, ist aber
die Meinungsfront, der wir als Betroffene und als Christen tagtäglich
begegnen. Von daher möchte ich den Bogen etwas weiter schlagen, indem
ich die Frage, ob Homosexualität als Sünde abzulehnen ist, beiseite stelle
zugunsten eines anderen Gedankens, der mich aus meinem Erleben, wie
Seelsorge unter Christen praktiziert wird, immer wieder beschäftigt hat.
Ich möchte nämlich solche, die die klassische christliche Auffassung zur
„Sünde Homosexualität“ vertreten, dazu ermutigen, überhaupt einmal ihr
Verhalten gegenüber dem, was sie als Sünde betrachten, zu hinterfragen.
Manchen mag das jetzt als Umweg erscheinen. Eigentlich bräuchte ich
mich mit dem Titelsatz von der Sünde gar nicht beschäftigen, wenn ich
mich achselzuckend davon abwenden wollte, weil er mich nicht betrifft.
Ich glaube aber, dass die oft so schwer fassbare Härte, mit der uns
Christen begegnen, nicht ganz allein in der Ablehnung der Homosexualität
selbst und einer irrationalen Homophobie begründet ist. Vielmehr verbirgt
sich im Gewand des Wortes vom Sünder und der Sünde ein
grundsätzliches Verständnis der Bibel zum Umgang mit Menschen, die
nicht nur uns Homosexuelle schmerzhaft trifft – auch wenn wir sicher die
zweifelhafte Ehre haben, auf der Achse des Bösen stets einen der oberen
Ränge zugewiesen zu bekommen ! Zudem ist die Frage nach dem
Verhalten zum Sünder und zur Sünde sehr eng mit dem Gottesbild
verknüpft. Und genau hier haben die meisten homosexuellen Christen ein
solches Zerrbild des eigentlichen Wesens Gottes eingeimpft bekommen,
dass es meines Erachtens durchaus lohnen kann, sich mit Gottes Liebe
zum Sünder noch einmal zu beschäftigen – auch wenn man sich in der
speziellen Frage gar nicht als Sünder fühlt.
Auf den ersten Blick scheint das Motto vom Hass auf die Sünde und von
der Liebe zum Sünder eine geniale Kurzfassung der biblischen Botschaft
vom heiligen und doch barmherzigen Gott zu sein. Für viele ist es
sozusagen das Evangelium in einem Satz. Wann immer es darum geht,
wie man sich als Christ gegenüber diversen Problemen und Personen
verhalten soll, wird diese Formel zur Sprache gebracht.
Je mehr ich mich mit dieser Aussage auseinandergesetzt habe, desto
größere Zweifel kommen mir allerdings daran, dass darin wirklich
Evangelium steckt. Ob die christliche Gemeinde nicht in ihrem Bemühen,
Position zu beziehen in den „Strömungen des Zeitgeistes“, die sie so
fürchtet, womöglich gerade droht, ihre wesentliche Rolle in der Nachfolge
Jesu Christi zu verlassen?
Und so will ich hier drei Fragen nachgehen: Erstens – wie will ich in meinem Verhalten einem Menschen konkret und
unmissverständlich klarmachen, dass ich ihn selbst liebe, seine Sünde
aber hasse?
Zweitens – ist der Satz überhaupt „biblisch“, d.h. entspricht er wirklich
dem Reden und Handeln Jesu?
Und drittens dann natürlich und endlich – selbst wenn er es wäre, ist er
dann speziell im Blick auf Homosexuelle tatsächlich in dieser Weise
anzuwenden?
~1~
Die erste Frage zielt bereits auf die große Schwäche dieser zunächst so
griffig klingenden Aussage. Wer es in aller Ernsthaftigkeit und mit
genügend Selbstkritik gegenüber seinem eigenen Verhalten praktizieren
will, den Sünder zu lieben, seine Sünde aber zu hassen, wird feststellen,
dass dies im praktischen Leben ungeheuer schwer ist! Es gilt ja, seine
Worte und Taten so zu wählen, dass der Betreffende sich einerseits
bedingungslos angenommen wissen soll. Da er dies aber nicht als
Bestätigung seiner Lebensform missverstehen darf, muss andererseits
deutlich zum Ausdruck gebracht werden, dass sein Verhalten aus dieser
Bedingungslosigkeit ausgeklammert bleibt. Wie aber will man hier den
Trennstrich ziehen?
Konkrete Ratschläge an Verwandte und Freunde von homosexuell
Lebenden sehen z.B. so aus, dass der Betreffende zwar eingeladen wird,
aber nicht sein Partner (selbst wenn diese Beziehung noch so intensiv ist
und bereits lange Jahre gelebt wird). Oder der Partner darf nur tagsüber
kommen, nicht aber über Nacht. Homosexuelle Christen dürfen als Gäste
an einem Gottesdienst teilnehmen, aber keine Gemeindemitglieder
werden, geschweige denn irgendwelche Aufgaben übernehmen. Man
begegnet ihnen freundlich distanziert, sucht aber keinen näheren Kontakt,
es sei denn zu ermahnenden Gesprächen. Selbst in Gemeinden und
Veröffentlichungen, in denen man Wörter wie Greuel, ekelhaft, pervers
vermeidet, befleißigt man sich einer kuriosen Ausdrucksweise : eine seit
Jahrzehnten bestehende Liebesbeziehung ist eine „homosexuelle Praktik“,
der Entschluss zu einer amtlich besiegelten Lebenspartnerschaft als
Verantwortungsgemeinschaft stellt das Symbol der „Spaßgesellschaft“ dar,
jede Interessenvertretung wird „die Schwulenlobby“ genannt, etc, etc…
Ginge es nicht um Homosexualität, sondern z.B. um schwarze Hautfarbe,
würde niemand wagen, solche Verhältnisse hilfreich zu finden – nicht
allein, weil Rassismus natürlich unrecht ist, sondern, weil jedem klar wäre,
wie diskriminierend und verletzend dies von den Betreffenden empfunden
würde. Merkwürdigerweise nimmt man aber an, dass Homosexuelle inmitten solchen Verhaltens die überwältigende Liebe Christi erleben und
sich herzlich willkommen geheißen fühlen sollen.
Wie wenig glaubhaft die wiederholten Beteuerungen der selbstverständlich
gehegten Liebe zum Homosexuellen „als Mensch“ auf Betroffene wirken,
spiegelt sich in zahlreichen persönlichen Zeugnissen wider. Vielleicht
erkennt man dies nicht zuletzt am besten daran, wie viele homosexuelle
Christen in ihren eigenen Gemeinden Jahre und Jahrzehnte aus Angst vor
Verletzung und Ausgrenzung auf Tauchstation leben. Dies tun übrigens
auch und gerade Christen, die ihre Homosexualität gar nicht „sündhaft
ausleben“. Man lese nur als ein Beispiel für viele das erschütternde
anonyme Zeugnis eines verheirateten schwulen Mannes, das 2002 in
Christianity Today erschien[2] : „Warum habe ich meine Geschichte nicht
meinen Freunden in der Gemeinde erzählt? Warum bleibt meine Identität
anonym? Weil ich, allen Behauptungen meiner heterosexuellen Freunde
zum Trotz, sie würden „den Sünder lieben, aber die Sünde hassen“, ihnen
nicht traue. Ich glaube nicht, dass sie das über mich wissen könnten und
immer noch wollten, dass ich der Vorsitzende ihrer Versammlung wäre, ihr
Jugendgruppenleiter, der Trainer ihres Sohnes. Ich wünschte, ich könnte
es glauben, aber ich tue es nicht. Vielleicht bin ich etwas überempfindlich
in meinem Misstrauen – aber ich habe zu viele Witze gehört, zu viele
Äußerungen eines Hasses gegenüber Homosexuellen, um noch zu
glauben, dass eben diese Leute noch meine Freunde sein könnten, wenn
sie es wüssten“.
Leider führt dieses Verborgenbleiben dazu, dass der Durchschnittschrist
annimmt, innerhalb christlicher Gemeinden gäbe es „solche“ gar nicht,
bzw. nicht realisiert, dass Homosexuelle zwar anders lieben, ansonsten
aber als ganz normale Mitmenschen und durchaus begabte Mitarbeiter
direkt neben ihnen auf der Kirchenbank sitzen.
Gerne zitiere ich in diesem Zusammenhang die Worte aus einem Vortrag
eines (heterosexuellen) baptistischen Pastors, der sich mit Homosexuellen
intensiv und persönlich auseinandergesetzt hat. Nachdem er verschiedene
Haltungen beleuchtet hat, die Christen auf dem Boden der biblischen
Botschaft einnehmen, von völliger Akzeptanz bis hin zur Ablehnung, gibt
er denen, die Homosexualität weiterhin als Sünde betrachten, folgenden
Rat : „Wenn Sie zu dem Schluss kommen, dass jede Art von
homosexuellem Verhalten falsch ist, …seien Sie sehr behutsam darin, wie
Sie Ihrer Ablehnung des Verhaltens Ausdruck verleihen. Der am meisten
strapazierte Leitspruch ist : „Wir hassen die Sünde und lieben den
Sünder“. Denken Sie sorgfältig darüber nach, bevor Sie das sagen. Denn
egal, was Sie damit meinen mögen, die beiden Worte, die dabei
unüberhörbar sind, lauten Has und Sünder. Es gibt eine ganze Menge
Sünde in meinem Leben, die hassenswert ist. Aber wenn Sie mir sagen,
wie sehr Sie meine Sünde hassen – was sich da gehasst fühlt, bin ich
selbst. Die Wahrheit ist doch – ich wüsste gar nicht, wie ich die Sünde vom
Sünder trennen sollte. Sie etwa?“[3] „Was sich da gehasst fühlt, bin ich selbst“. Selten hat es jemand so klar
auf den Punkt gebracht. Es ist eine traurige Regel, dass diejenigen, die die
Position der Hassenden einnehmen, dies überhaupt nicht merken oder als
Ausdruck des Selbstmitleids abtun, das man uns Homosexuellen ja
ohnehin so gern nachsagt. Erst wenn Menschen an irgend einem Punkt in
ihrem Leben aus dem herausfallen, was als Gebot und Regel angesehen
wird, erst wenn sie am eigenen Leib erfahren, welche Ausgrenzung in
dieser merkwürdigen Form der Hass-Liebe liegt, wie schmerzhaft und wie
wenig hilfreich sie ist, mag ein Umdenken einsetzen.
Wie kann ich die Liebesbeziehung eines Menschen als „ekelhaft“
bezeichnen und noch erwarten, dass der Betreffende sich bei mir „als
Mensch eben“ angenommen fühlt? Wie kann ich einem mitten im Leben
stehenden Menschen generell absprechen, normal und geistig gesund,
zufrieden oder verantwortungsfähig zu sein, und gleichzeitig versichern,
ihn „als Mensch eben“ zu akzeptieren?
Einen Menschen zu lieben, aber das, was er denkt, fühlt und tut, zu
hassen, ist eine Trennung, die so gut wie immer theoretisch bleiben wird.
Wer den zu liebenden Sünder auf der einen, die zu hassende Sünde auf
der anderen Seite sieht, wird immer hin- und hergerissen sein. Eine halbe
Annahme wird nicht nur rein rechnerisch zur Hälfte Ablehnung bleiben und
die spüren Menschen in der Regel schnell. Wo häufig nicht einmal die
„kleinen Dinge“ wie Höflichkeit, Sachlichkeit, Fairness das Klima
bestimmen, braucht man das große Wort Liebe gar nicht erst in den Mund
zu nehmen. Das Verhalten, das viele Christen an den Tag legen, spricht
eine deutliche Sprache und besagt: „Ich will mit Homosexuellen und mit
Homosexualität nichts zu schaffen haben“. Gleichzeitig zu behaupten, man
liebe diese Menschen, wirkt unehrlich und abstoßend. Ich bin der festen
Überzeugung, dass Christus seine Kirche einmal zur Verantwortung ziehen
wird für ihren nicht geringen Beitrag daran, dass Homosexuelle sich
mehrheitlich in Gesellschaftsbereiche zurückziehen, in denen Christentum,
und damit eben auch christliche Wert- und Moralvorstellungen, nicht mehr
viel gelten!
Und welche Bürde legt man auf Freunde und Verwandte von
Homosexuellen, die widersprüchliche Botschaft von der Liebe zum Sünder
und dem Hass auf die Sünde denen zu vermitteln, die ihrem Herzen nahe
stehen – die aber auch nach einer bedingungslosen Annahme dieser
Freunde und Eltern am meisten hungern! Bis zu welchen Früchten es
gehen kann, wenn eine Mutter ihrem Kind gegenüber dies zu praktizieren
versucht, lässt sich an der tragischen Geschichte von Mary Lou Wallner
ablesen, einer evangelikalen Christin und Mutter einer homosexuellen
Tochter. (Ihr Zeugnis ist im Beitrag „Das mühsame Wunder der
Verwandlung“ zu lesen.)
Nachdem ihre Tochter den Eltern ihre homosexuelle Orientierung offenbart
hatte, schrieb Mrs. Wallner ihr in einem Brief: „Ich werde dich weiterhin lieben, aber das werde ich immer hassen und ich werde jeden Tag für dich
beten, dass du dein Denken und deine Haltung änderst.“ Weiterhin
berichtet sie: „Obwohl ich niemals ihre Erlösung anzweifelte, konnte ich
ihre Homosexualität nicht akzeptieren. Ich machte dürftige Versuche, „sie
zu lieben“, während ich „die Sünde hasste“, aber das war nicht genug“[4].
Verletzt und enttäuscht durch das Verhalten der Mutter über „Jahre der
Reibung“ begeht ihre Tochter mit neunundzwanzig Jahren Selbstmord. In
einem schmerzhaften Prozess lernt Mary Lou Wallner, umzudenken, und
setzt sich inzwischen intensiv für die Annahme und Aufnahme
homosexueller Christen in Gemeinden ein. Keiner, der ihr Zeugnis liest,
würde wagen, zu behaupten, diese Mutter hätte ihr Kind nicht wirklich
geliebt. Hätte man ihr nur nicht beigebracht, sie dürfe eine solche Tochter
nur „an sich“, aber damit unter Ausschluss ihres Lebens lieben!
Dass an der Bibel orientierte Christen uns von vornherein mit
Freudenschreien in ihren Gemeinden begrüßen, erwarte ich nicht. Was ich
jedoch immer wieder aufs Neue schmerzlich vermisse, ist das Mindestmaß
an Dialogbereitschaft – gerade uns „als Menschen eben“ gegenüber! Die
wenigsten Christen machen sich die Mühe, Betroffene nach ihrem oft
mühevollen Weg, ihrer Entwicklung, ihrem Ergehen als Homosexuelle und
Christen und vielleicht auch nach ihrem Umgang mit biblischen Aussagen,
überhaupt einmal zu fragen – und dann darin ernst zu nehmen. Das wäre
für meine Begriffe ein Ausdruck von Liebe, die wirklich am anderen
interessiert ist, ob sie dann zur Zustimmung kommt oder nicht. Aber die
Kultur des Fragens ist unter Christen zurückgetreten hinter ein Klima, in
dem auf alles schon schlag(!)wortartig die Antwort bereit liegt. Und
Schlag-Wort hat leider dabei eine ziemlich wörtliche Bedeutung. Passt die
Lebenserfahrung des anderen nicht zum eigenen Verständnis der Bibel
und der Dinge, beschränkt sich das „Fragen“ dann darauf, von vornherein
alles in Frage zu stellen, was der andere von sich geben könnte.
„Ein neu Gebot gebe ich euch“, meint man die heutige Christenheit
sprechen zu hören: „Liebe den Sünder, hasse die Sünde!“ Wird dieses
neue Art von „Doppelgebot“ aber der Botschaft Jesu Christi wirklich
gerecht?
~2~
Damit kommen wir zur zweiten der oben gestellten Fragen. Was vermittelt
uns die Bibel eigentlich? Natürlich finden wir dort die Ablehnung
sündhaften Verhaltens, durchaus auch in drastischen Worten im Neuen
wie im Alten Testament. Von Greuel ist z.B. die Rede, von der Abscheu
Gottes, unter anderem ja auch bzgl. sexueller Verhaltensweisen, die für
meine Begriffe unter Missachtung historischer Gegebenheiten leichtfertig
mit Homosexualität allgemein in einen Topf geworfen werden. Wir lesen von tödlichen Strafgerichten oder dem Zorn Gottes, der
allerdings immer wieder die geradezu skandalöse Tendenz aufweist, „nur
einen Augenblick“ (Jes. 54, 8) über den Menschen auf Erden zu währen,
und dann einem unvernünftigen Erbarmen Platz zu machen.
Die Heiligkeit Gottes steht nicht zur Diskussion, auch nicht, dass wir
Menschen unser Verhalten vor ihm verantworten müssen in einem
Gericht, das nicht automatisch glimpflich abgehen wird. Freilich, auch da
wird es ein Staunen geben, über Letzte, die unerwartet Erste sind…
Von einem lesen wir aber erstaunlich wenig – vom Hass Gottes auf
irgendwen oder irgendetwas. Man muß schon eine Weile suchen, um
Aussagen zu finden wie: „Dir sind alle verhasst, die nichtige Götzen
verehren“ (Psl. 31, 7) oder „Du liebst das Recht und hasst das Unrecht“
(Hebr. 1, 9). Ansonsten scheint jedoch beim Blättern durch die
Konkordanz das Hassen eher ein menschliches Privileg zu sein.
Auch beim schärfsten Ausdruck des Vernichtungswillens gegenüber der
Sünde, der Sintflut, lesen wir bezeichnenderweise nichts vom Hass Gottes
auf die Menschen oder ihr Tun, sondern: „Der Herr sah, dass die
Schlechtigkeit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten
seines Herzens immer nur böse war. …und es tat seinem Herzen weh“
(Gen. 6, 5.6)
Die biblischen Autoren scheinen eher eine Scheu zu haben, von einem
Hass Gottes zu reden. Vielleicht stünde es uns besser an, mit einer
Wendung, mit der die Bibel selbst so behutsam und sparsam umgeht,
weniger verschwenderisch aufzuwarten.
Die Aufforderung, anderer Leute Sünde zu hassen, wird meines Wissens
im Neuen Testament ein einziges Mal so formuliert: „Der anderen aber
erbarmt euch mit Furcht, und hasst auch den Rock, der vom Fleische
befleckt ist“ (Judas 23). Die „anderen“, deren Rock hier sinnbildlich für ihr
Tun steht, sind die zuvor beschriebenen falschen Christen, die sich
eingeschlichen haben, Gottes Gnade und die offenen Verhältnisse der
Gemeinde missbrauchen für selbstsüchtige Zwecke und letztlich Gott
lästern (V. 4.8.12.16) – ich weiß nicht, ob man dies auf alle Menschen und
ihr Tun schlechthin übertragen sollte…
Regelmäßig wird in solchen Zusammenhängen der harte Umgang
angeführt, den Paulus gegenüber solchen empfahl (1. Kor. 5, 11), die sich
Christen nannten und deren Leben von Unzucht, Habgier,
Götzenverehrung, Lästerung, Trunksucht oder Raub bestimmt war. War
das eine „Standardempfehlung“? Ist es nicht auffällig, dass sich solche
Aussagen bei Paulus im wesentlichen auf den Korintherbrief
konzentrieren, während er in seinen zahlreichen anderen Briefen den
Schwerpunkt eher legt auf das „Nehmt einander an, ertragt einander,
wenn es Grund zur Klage gibt“? Warum? Gab es in den anderen Gemeinden nur tadellose Christen? Wohl kaum! Oder liegt die Lösung eher
in der geistlichen Haltung der Korinther, sich ihrer Probleme auch noch zu
„rühmen“ und sich mit ihrer Freizügigkeit „wichtig zu machen“? (1. Kor. 5,
2.6) Und ermahnt er nicht diese Korinther, als sie in einem Fall mit der
„Abstrafung“ eines Sünders drohten, ins Gegenteil zu verfallen: „Jetzt sollt
ihr lieber verzeihen und trösten, damit der Mann nicht von allzu großer
Traurigkeit überwältigt wird“ (2. Kor. 2, 7)? Hielt es Paulus nicht sehr wohl
für nötig, abzuwägen, wem gegenüber er sich wie verhielt?
Nun, es ist immer sehr hilfreich, zu schauen, wie die Lehrer der Bibel ihre
Lehrsätze selbst praktisch umsetzten, und wer könnte hier größere
Autorität besitzen als Jesus selbst? Am Ende seines Lebens sagte Jesus:
„Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan
habe“ (Joh. 13, 15), und dies bezog er sicherlich nicht einzig auf die
vorangegangene Fußwaschung beim Abendmahl. Aber er bezog es auf den
Umgang der Jünger untereinander. Hat Jesus uns in seinem Umgang mit
Menschen, Jüngern und Nichtjüngern, vorgelebt, die Sünde an den
geliebten Sündern zu hassen?
Wohl mag man sagen, das Wort vom „Hass“ auf die Sünde habe ja
ohnehin nur eine symbolische Bedeutung. Die Wortwahl allein enthüllt
aber eine Grundhaltung, die ich als zutiefst unchristlich, d.h. nicht Christus
gemäß empfinde.
Hass ist sicher nicht das erste, was demjenigen in den Sinn kommt, der
nach Jesus gefragt wird, und wisse er noch so wenig über ihn. War Jesus
vielleicht ohnehin zu „weich“, um das Wort Hass in den Mund zu nehmen?
Keineswegs – er benutzte es freilich in Zusammenhängen, in denen wir es
kaum erwartet hätten. So erschreckt er eine sich begeistert um ihn
scharende Volksmenge mit den Worten: „Wenn jemand zu mir kommt und
hasst nicht …seine Frau und seine Kinder …dazu aber auch sein eigenes
Leben, so kann er nicht mein Jünger sein“ (Luk. 14, 26). Zusammenhang
und Parallelstellen machen deutlich, dass er mit dieser bewusst
drastischen Wortwahl nicht einer bösen, ablehnenden Haltung das Wort
reden, sondern klare Prioritäten setzen möchte. Wer sich durch seine
Angehörigen, und seien es die liebsten, in irgend einer Weise von Jesus
abhalten lässt, hat diese Prioritäten falsch gesetzt.
Um einem Missverständnis vorzubeugen: Dies bedeutet gerade nicht, sich
aufgrund des Glaubens an Jesus von seinen Angehörigen abwenden zu
müssen! Einer der ersten Apostel, der diesen Satz von Jesus hört, Petrus,
gibt später seelsorgerliche Empfehlungen an gläubig gewordenen
Ehefrauen heidnischer Männer. Bezeichnenderweise lautet sein Rat nicht,
die Männer als Menschen zu lieben, ihren unchristlichen Wandel aber zu
hassen. Sondern er fordert dazu auf, sich wertender Kommentare zu
enthalten und in voller Hingabe und Zuwendung an den Partner die
Wesensart Christi widerzuspiegeln und dadurch die Fernstehenden zu
gewinnen (vgl. 1. Pt. 2, 21 – 3, 4). Jesus nimmt das Erschrecken, das seine Aussage „Wer nicht hasst“ bei
Christen aller Jahrhunderte immer wieder neu auslöst, in Kauf. Er setzt es
sogar ganz bewusst ein. Aber hätte er dann nicht viel mehr Grund gehabt,
uns zu unserer Sünde heilsamen Schrecken einzujagen und zu sagen: „Ihr
Menschen, ich hasse eure Sünde, die mich das Leben kosten wird!“? Und
doch hat er niemals derartiges gesagt.
Worin äußert sich Hass? Unter anderem kann er sich in leidenschaftlich
geführten, harten Worten oder Handlungen entladen. Auch diese hat Jesus
nicht gescheut. Aber gegen wen richteten sie sich? Gegen die klassischen
Sünden seiner Zeit? Gegen wiederholte sexuelle Verfehlungen? Gegen
Korruption, Vaterlandsverrat, Kriminalität? Es befanden sich doch
genügend Prostituierte und Zöllner in seiner Gesellschaft, um hierfür
gehäuft Anlass zu bieten!
Lukas beginnt sein fünfzehntes Kapitel damit, dass sich zahlreiche Zöllner
und Sünder ihm näherten. Und im Blick auf sie erzählt Jesus dann das
Gleichnis von der Freude, Verlorengegangenes wiederzufinden. Der Vater
im Gleichnis vom verlorenen Sohn heißt den mit Schande beladenen
Heimkehrer ohne den leisesten Vorwurf willkommen. Dieser frisch aus
dem Schweinestall kommende Mensch hatte nun wahrlich einen
„befleckten Rock“ (s.o.!), aber bevor es um eine neue Bekleidung geht,
schließt der Vater den Sohn ohne ein Wort des Abscheus, so wie er ist, in
die Arme und drückt ihn an sich. Wie wenig vermag ich hier vom „Hass
auf die Sünde“ zu erkennen!
Dennoch hören wir aus Jesu Mund auch die bösen Worte von der
„Schlangenbrut“, dem „Sohn der Hölle“ (Matth. 23, 33.15) und dem, was
Gott „ein Greuel“ ist (Luk. 16, 15). Wir sehen ihn in eine „Räuberhöhle“
eindringen und die Menschen mit einer Peitsche hinaustreiben (Mk. 11, 17
/ Joh. 2, 15). Aber was „geißelt“ Jesus hier im wahrsten Sinne des
Wortes? Es waren ausgerechnet die Frommen, denen da sein Zorn galt,
denen er „Scheinheiligkeit“ (Mk. 12, 40) vorwarf und hinter Gesetzestreue
versteckte Egozentrik (Matth. 23, 5.6), Lieblosigkeit und Unbarmherzigkeit
(Matth. 23, 23). Ihnen drohte er für ihre versteckte Habgier (Luk. 16, 14).
Gegen sie richtete sich sein Zorn bei der Vertreibung der Händler aus dem
Tempel – da sie das „Haus des Gebets für alle Völker“ eben diesen
Außenstehenden versperrten, um einen reibungslosen Ablauf des
Opfergeschäftes zu erleichtern. (Den sog. „Vorhof der Heiden“, den auch
Nichtjuden betreten durften, und der ihnen die Möglichkeit zur Anbetung
Gottes geben sollte, hatte die lärmende Schar der Händler mit ihren
Ständen belegt, wo sie „unreine“ in „reine“ Münzen ohne heidnische
Götterbilder für die Tempelsteuer umtauschten und Opfertiere direkt „vor
Ort“ verkauften).
Wollte man überhaupt vom Hass Jesu reden, so entlud er sich über jene,
die dem Sünder den Zugang zu Gott versperren wollten, die sich für gerechter als andere hielten und glaubten, das letztgültige Urteil über Gut
und Böse fällen zu dürfen (vgl. Luk. 18, 9; 11, 52; 6, 41f.).
Warum sagte Jesus den „Sündern“, die sich ihm näherten, nicht klarer:
„Ich liebe euch, aber eure Sünde verurteile ich!“? Lief er nicht Gefahr,
dass sie sein mildes Verhalten als „Absegnen“ ihrer Taten verstehen
mussten? Vielleicht wusste Jesus viel besser als seine Nachfolger, dass die
Botschaft an einen Menschen: „Du bist nur exclusive deiner Sünde geliebt“
letztlich den ganzen Menschen ausschließt.
Gern wird darauf hingewiesen, dass Jesus schließlich Dinge gesagt habe
wie: „Geh hin, und sündige nicht mehr!“ Angebrachter wäre es für meine
Begriffe, sich zu wundern, wie ausgesprochen selten Jesus solche
Äußerungen machte. Gerade zweimal (s. Joh. 5, 14 und 8, 11) überliefern
es uns die Evangelisten, obwohl Jesus doch ununterbrochen Menschen
begegnete, bei denen diese Bemerkung wohl passend gewesen wäre! Vor
allem der so offensichtlichen Sünderin, der frisch ertappten Ehebrecherin
(Joh. 8, 3-11), mögen diese Worte Jesu eher als Verheißung des neu
geschenkten Lebens in den Ohren geklungen haben, denn als
Zurechtweisung. Von Hass, scharfer Ablehnung oder Verurteilung ihres
Tuns kann ich im Umgang Jesu mit dieser Frau gerade nichts entdecken.
So will ich zuletzt noch einmal auf eine Geschichte zu sprechen kommen,
die häufig als Beispiel dafür herangezogen wird, welch größten Wert Jesus
angeblich darauf legte, im Gespräch mit Menschen „Sünde beim Namen zu
nennen“ und Menschen klar zu demonstrieren, wo ihr Leben falsch lag.
Ich spreche von Jesu Begegnung mit der Frau am Jakobsbrunnen, die –
vermutlich aufgrund ihres anrüchigen Lebenswandels isoliert von der
Dorfgemeinschaft – in der einsamen Mittagsstunde zum Wasserschöpfen
kommt, und von Jesus angesprochen wird: „Gib mir zu trinken!“ (Joh. 4).
Wenn je eine Geschichte ungeeignet war, etwas vom „Hass“ Jesu auf
Sünde widerzuspiegeln, dann diese!
Jesus überspringt zunächst alle Konventionen seiner Zeit, wenn er als
jüdischer Rabbi sich in die für damaliges Verständnis hochverfängliche
Situation begibt, allein mit einer Frau zu reden. Einer Frau, die noch dazu
dem verachteten Volk der Samariter angehörte und obendrein eine
stadtbekannte Sünderin war. Jesus weiß ja längst um ihre
Lebenssituation, aber er beginnt das Gespräch nicht aus der geistlichmoralischen Überlegenheit heraus, sondern „von unten“, als Bittsteller:
„Gib mir zu trinken!“ Dieser Schritt auf sie zu löst Verwunderung bei der
Frau aus: „Wie kannst Du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser
bitten?“ Vielleicht auch neugierig geworden, lässt sie sich in ein Gespräch
verwickeln. Ausgerechnet der Letzten vom ganzen Dorf bietet Jesus dann
die höchste Gabe an – lebendiges Wasser des ewigen Lebens. Erst danach
lenkt er die Rede auf ihre problematische Lebenssituation. Aber wie
behutsam, geradezu beiläufig tut er das. Seine Aufforderung: „Geh, hole deinen Mann!“ ist alles andere als ein
ungeschminktes Festnageln auf ihre Sünde, sondern zunächst nur eine
harmlose Erfüllung der Konvention, da ihr einsames Gespräch unter vier
Augen für damalige Verhältnisse als unschicklich und zweideutig galt. Sie
lässt auch der Frau noch jede Möglichkeit eines Rückzugs auf eine vage
Ausrede, ihr „Mann“ sei auf Reisen, auf dem Feld oder nicht an geistlichen
Fragen interessiert (Letzteres hätte wohl der Wahrheit entsprochen!).
Als Jesus auf ihr kleinlautes „Ich habe keinen Mann“ antwortet, steckt viel
mehr darin, als ihr auf den Kopf zuzusagen, wie ihr Lebenswandel
aussieht: „Du hast richtig gesagt: Ich habe keinen Mann. Denn fünf
Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.
Damit hast du die Wahrheit gesagt.“ Hier klingt das ganze Elend dieser
Frau mit an, die bittere „Wahrheit“, die dahinter liegt. Denn nach
damaligem Recht im Orient war es nicht die Frau, die einen Mann durch
Scheidung verlassen konnte. Fünf Männer waren es, die diese Frau bereits
fortgeschickt hatten, und der sechste befand es erst gar nicht mehr für
nötig, sie offiziell zu heiraten. Die Frau mag spüren: Dieser fremde Mann
am Brunnen durchschaut mich völlig. Und doch ist er endlich, endlich
jemand, der mich dabei nicht in die Ecke drängt, mich nicht seelisch nackt
auszieht und mit dem Finger auf mich weist. Dieser Schutzraum, den
Jesus hier eröffnet, macht es womöglich der Frau erst möglich, später
auch den eigenen Anteil der Schuld an ihrer Lebenssituation offen
zuzugeben: „Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe“ (Joh. 4, 29).
Was folgt nun? Ein ernstliches, ermahnendes, seelsorgerliches Gespräch?
Ein umfassendes Sündenbekenntnis? Nichts dergleichen. Jesus
unternimmt nichts dagegen, dass die Frau mehr nicht an sich
herankommen lassen mag und das Gespräch auf andere Themen lenkt. Er
blockiert ihre weiteren Fragen nicht damit, erst einmal müsse jetzt ihre
Sünde bereinigt werden. Er spricht kein Wort mehr dazu. Das Gespräch
nimmt den typisch verqueren Verlauf der Dialoge, wie wir sie von
Evangelisten Johannes kennen, in dem göttliche Wahrheit und
menschliches Verstehen zunächst aneinander vorbeigehen. Aber Jesus,
der sie mit „Glaube mir, Frau“ anspricht, vermag die Brücke zu ihrer
inneren Person zu schlagen. Und schließlich offenbart er sich ihr als der
Messias in so direkter Weise wie sonst fast nirgends einem Menschen
zuvor oder danach: „Ich bin’s, ich, der mit dir redet“. Der Messias redet
mit ihr, dem wandelnden Dorfskandal, aber – haben wir eigentlich
bemerkt, dass Jesus im ganzen Gespräch kein Wort von Sünde und Schuld
sprach, die Wörter Hurerei, Unzucht, Ehebruch nicht einmal in den Mund
nahm, auch nichts von schlecht, falsch, böse sagte, sondern ihre Situation
quasi kommentarlos beschrieb? Wo, um Himmels willen, ist der Jesus, der
die Sünde hasst??
Gerade die Erzählung von der Frau am Jakobsbrunnen zeigt, dass der
konkrete Verstoß für Jesus nicht im Vordergrund steht, sondern der
Mensch mit seiner ganzen Geschichte. Jesus weiß, dass es den „Menschen an sich“ nicht gibt, dem man versichern kann, dass man ihn liebt,
während man gleichzeitig sein Leben zerpflückt. Der Mensch ist immer
verstrickt in mehr oder weniger schuldhaftes Handeln, sei es als Täter, als
Opfer oder beides. Darum trennt Jesus in seiner Liebe zum Sünder dessen
Leben nicht ab, sondern seine Liebe umschließt „mit Haut und Haar“. Die
einzige Sünde, die ihn wohl tatsächlich davon abhalten kann, ist die stolze
Zurückweisung dieser Zuwendung.
Heißt das nun, Jesus nehme Sünde nicht ernst oder er liebe die Sünde?
Nein! Aber das Gegenteil von „die Sünde lieben“ ist wohl bei Jesus nicht
„die Sünde hassen“, sondern eher, die Sünde zu tragen, an ihr zu leiden,
letztlich sie selbst zu er-leiden. So sehr trug und litt Jesus an der Sünde,
dass er den höchsten Preis dafür zahlte und sein Leben dafür einlöste.
Darum ist dieser Jesus ein so merkwürdiger Arzt, weil er eben nicht
vornehmlich seinen Finger in Wunden legt und Salz hineinstreut, sondern
weil er selbst sich die Wunde zufügt, die uns heilt. Und dies tat er nicht
nur einmalig am Kreuz, sondern auch in seinen Begegnungen mit
Menschen lässt er diese Wesensart immer wieder erkennen.
Tastete Jesus sein Verhalten sorgfältig ab, um nur ja genügend Distanz zu
den Sünden der Menschen oder auch seiner Jünger zu demonstrieren? Im
Gegenteil, zum Unmut der Frommen saß er mitten unter ihnen am Tisch
und teilte ihr Leben. In keinem persönlichen Gespräch sehen wir ihn
ständig neue mahnende Worte zu immer denselben Verstößen auffahren
oder einschüchternde Schriftzitate auflisten. Und da, wo er einmal
Verfehlung anspricht, tut er es ausgerechnet umso taktvoller und
indirekter, je tiefer der Betreffende darin verwickelt ist, und sucht in aller
Regel dafür einen geschützten, persönlichen Rahmen. Man denke nur an
sein Gespräch mit Petrus nach der Auferstehung, in dem dieser die
Vergebung für seine dreifache Verleugnung erfährt, ohne dass das Wort
„Verleugnung“ überhaupt fällt!
All dies schließt Änderung und Erneuerung – bei tatsächlicher Sünde –
keineswegs aus. Jesus ist der Erneuerer. Das Erstaunliche an ihm aber
bleibt, dass er sie nicht zur Bedingung für die Annahme des Menschen und
seinen Umgang mit ihm macht. Er, der „uns erkauft hat“, nimmt auch
alles, was an uns haftet, mit „in Kauf“ und schließt es in seine Liebe
solange mit ein, bis tatsächlich der Zeitpunkt einer Veränderung
gekommen sein mag – was bei manchem Makel in unserem Leben
vielleicht auch nie eintrifft, denn wer wollte behaupten, bereits
vollkommen in das Reich Gottes einzugehen?
Wie furchtbar wenig ist davon übrig geblieben in uns Christen, die wir
immer wieder glauben, das Entscheidende sei die sogenannte
Rechtgläubigkeit und die Zustimmung zu christlichen Lehren und Moral,
statt „zu wandeln, wie er gewandelt ist“ (Joh. 2, 6)! Spüren wir, warum
dieser Jesus auf Menschen und gerade auf Außenseiter eine so ungeheure Anziehungskraft hatte, die wiederum in so krassem Gegensatz zur
Stagnation in vielen unserer Gemeinden steht?
Der sophistische Satz von der Liebe zum Sünder und dem Hass auf die
Sünde zieht einen Trennstrich, den es nicht gibt, und den auch Jesus in
seinem Verhalten nicht zog. Er macht sich bereits ein falsches Vor-Bild
von Gott, und ist für das menschliche Verhalten eine Illusion, die mehr
Schaden als Nutzen stiftet. Ihn leben zu wollen, produziert in der Regel
nur Lieblosigkeit, ihn zu predigen, ist eine Verführung zur Lieblosigkeit.
Der Bannstrahl richtet sich auf die Sünde – die echte wie die vermeintliche
– trifft aber in jedem Fall einen echten Menschen.
~3~
Und damit muss ich zur letzten Frage kommen, auf die meine
homosexuellen Leser vielleicht schon ungeduldig gewartet haben.
Ließe er sich überhaupt auf Homosexualität anwenden, denn – ist
Homosexualität überhaupt Sünde? Die dies glauben, könnten sich in
letzter Instanz ja immerhin noch auf die von Jesus „legitimierte“ Form des
Hasses berufen: „Wer nicht hasst… sein eigenes Leben“ (Luk. 14, 26),
und vom Homosexuellen erwarten, dass er in Selbstverleugnung jeder
Form gleichgeschlechtlicher Liebe entsagen müsse. Hat Jesus nicht auch
davon gesprochen, lieber das Glied, das einen zur Sünde verführt,
abzuhauen, als der Hölle zu verfallen (Matth. 5, 29f)?
Dies auf gelebte Homosexualität anzuwenden, bedarf mehrerer
Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen. Die erste ist die, dass die
biblischen Aussagen, allen voran die Beurteilung als „Greuel“ aus Leviticus
und als „widernatürlich“ im Römerbrief[5], sich tatsächlich gegen
Homosexualität als solche und damit auch gegen jede homosexuelle
Beziehungsform richten. Ich bezweifle das in Kenntnis der historischen
Gegebenheiten zu alt- und neutestamentlichen Zeiten entschieden. Der
Raum für ein intensives Bibelstudium zu diesem Thema ist hier jedoch zu
klein.
Die zweite Prämisse ist die, homosexuelle Orientierung sei schädlich und
krankhaft und letztlich ein veränderbarer Teil der Persönlichkeit des
Menschen. Auch dies verkünden christliche Psychologen ja und versuchen,
diese Behauptung mit frühkindlichen Entwicklungstheorien, pubertärer
Prägung und persönlichen Lebensgeschichten zu untermauern. So gerne
sie ihre Theorien auch als „die humanwissenschaftlichen Erkenntnisse“
bezeichnen, so einsam stehen diese wenigen Psychologen tatsächlich
innerhalb der Humanwissenschaften da. Auch wenn letztere zur Ursache
der Homosexualität zwar auch vieles offen lassen, haben sie auf jeden Fall aber die Klassifikation der Homosexualität als Krankheit längst
aufgegeben.
Gegen persönliche Zeugnisse lässt sich nun wenig einwenden. Wenn ein
Mensch behauptet: „Ich war homosexuell, nun bin ich durch
seelsorgerlich-therapeutische Hilfe heterosexuell geworden“ – was könnte
oder wollte man dagegen sagen? Wobei viele solcher Aussagen letztlich
meinen: „Mein Verhalten ist jetzt heterosexuell, meine homosexuellen
Gefühle sind unterschwellig allerdings weiterhin da.“ Das bereits oben
angeführte Selbstzeugnis eines verheirateten, homosexuellen Mannes
schildert sehr anschaulich und ergreifend die Seelenqual eines Menschen,
der sich an Gottes Wort und seine Ehe gebunden fühlt, an dessen
homosexueller Gefühlswelt aber nichts und niemand etwas geändert
haben: nicht seine heterosexuelle Beziehung, nicht sein ganzes Beten und
Streben vor Gott, keine Seelsorge und keine Therapie. Und der sich
dadurch in eine unendliche Zerreißprobe gestellt sieht. Mit Recht weist
Richard Blair[6] in einem Kommentar dazu[7] darauf hin, welch ein
„mismatch“ diese Ehe und das ganze Leben dieses Mannes doch sind, das
den „Sieg“ einer treu gelebten heterosexuellen Beziehung davonträgt, in
der jedoch viel zu häufig ein „düsterer und niedergedrückter Ehemann und
Vater“ in Depressionen und Selbstmordgedanken zu versinken droht.
Denn dies sind die anderen Lebenszeugnisse, die von entsprechenden
Therapeuten natürlich nie erwähnt werden. Unendlich viele haben
ebenfalls mit aller Ernsthaftigkeit nach der verheißenen Änderung
getrachtet, sie aber nicht wirklich erfahren. Es mag wohl Menschen geben,
die in ihrer Sexualität und Identität sozusagen „auf der Suche“ sind und
die nach einer homosexuellen Phase zu einem erfüllten heterosexuellen
Leben gelangen können. Dies aber zu verallgemeinern und von allen
Homosexuellen einzufordern, übersieht, dass für viele Betroffene hier
nichts veränderbar ist.
Einen homosexuell empfindenden Menschen in eine Ehe zu drängen, halte
ich für einen schweren Fehler, der kurzfristig Erfolg haben mag, langfristig
aber genauso wenig zu einer echten, erfüllten Beziehung führen kann, wie
einen heterosexuell Fühlenden in eine homosexuelle Lebensbeziehung zu
zwingen, aus der man ihm den Ausstieg zeitlebens verweigert.
Denn – und hiermit kommen wir auf den Punkt – Homosexualität ist in
aller Regel eine sexuelle Identität, und somit kein untergeordneter
Bestandteil des menschlichen Wesens wie z.B. eine einzelne
Charaktereigenschaft, an der man natürlich arbeiten kann oder auch
sollte. Die sexuelle Identität betrifft auch weit mehr als ein einzelnes
Verhalten, also z.B. mit wem ich gerade Geschlechtsverkehr ausübe.
Sexuelle Identität stellt einen ganz zentralen Anteil unserer gesamten
Person und Persönlichkeit dar, die Selbstempfinden und Identifikation, die
eigene Position in Umfeld und Gesellschaft, und natürlich die ganze
körperliche, seelische und geistige Dimension des Liebesempfindens berührt. Manches daran ist formbar, die wesentlichen Grundzüge
demarkieren sich meist jedoch schon in der frühesten Kindheit als
vorhanden. Kein Heterosexueller käme wohl auf den wundersamen
Gedanken, seine sexuelle Identität sei etwas in der Jugend mühsam
Angelerntes, das bei geringer Einflussnahme auch zu einer homosexuellen
Variante hätte trainiert werden können. Dies ist gewöhnlich die Zeit, in der
wir unsere sexuelle Identität entdecken müssen – aber als etwas, das tief
in uns besteht. Es ist unsinnig, grausam und unverantwortlich, von
Menschen zu verlangen, entgegen dieser ihrer Identität zu leben.
Besser und prägnanter habe ich diese psychologische Tatsache nie
formuliert gefunden, als ausgerechnet in einem Tatort-Krimi : Während
der Ermittlungen in einem Mordfall enthüllt sich bei einem der
Tatverdächtigen, einem Schauspieler, seine heimlich gelebte,
homosexuelle Beziehung zu seinem Manager (es sei verraten, er war nicht
der Mörder). Die Kommissarin spricht ihn auf seine „Neigung“ an. Darauf
schaut sie der Mann lange an und sagt: „Frau Kommissarin, das ist nicht
meine Neigung… – das bin ICH“.
„Das bin ICH“ – dieses „Ich“ einer psychischen Identität, dieses „Selbst“
sei bitte nicht verwechselt mit dem der von Jesus geforderten
Selbst-losigkeit und Selbst-verleugnung. Kein Mann dieser Erde könnte
z.B. durch Selbstverleugnung eine Identität als Frau erlangen. Kein
heterosexuell Empfindender würde aus Selbstverleugnung eine
gleichgeschlechtliche lebenslange Partnerschaft eingehen wollen und dies
auf Dauer aushaltbar finden.
„Das bin ICH“ – wie viele christliche Homosexuelle mögen (so wie ich über
Jahre) unter dem Druck oder Eindruck der einschlägigen Aussagen den
Versuch gemacht haben, dieses Ich an sich zu „hassen“, zu verleugnen,
abzulegen. Ich bin dankbar, dies (wie ich meine) ohne größeren
psychischen Schaden überstanden zu haben, was man leider von vielen
nicht sagen kann. Ich bin dankbar, dort wieder herausgefunden zu haben,
ohne am Glauben Schiffbruch zu erleiden, was man leider von vielen nicht
sagen kann. Aber wie gut kenne ich die Abgründe rabenschwarzer
Verzweiflung solch einer völlig ausweglosen Situation!
„Das bin ICH“ – wenden wir uns noch einmal der symbolischen (!)
Aussage Jesu vom Abhauen der Glieder, die zur Sünde verführen, zu. Er
benutzt dabei ein äußerst drastisches Bild, umso entscheidender ist aber,
welche Grenze er dennoch wahrt. Wohlweislich spricht Jesus von einzelnen
Gliedern, zudem nur von solchen (Auge, Hand, Fuß), die paarig angelegt,
also zweimal vorhanden sind. Der Verlust eines solchen Gliedes wäre
äußerst schmerzlich und kein harmloser Verzicht. Aber er wäre weder
lebensbedrohlich noch führte er zur Funktionsunfähigkeit des Körpers.
Jesus spricht bezeichnenderweise nicht davon, lieber den Kopf abzuhauen
oder das Herz herauszuschneiden – das ist dem Menschen nicht möglich,
so wenig, wie er seine wahre Identität verändern und ablegen kann. „Das bin ICH“ – wer einmal begriffen hat, was dies für den Homosexuellen
heißt, der kann auch nachvollziehen, warum es für ihn so ungeheuer
quälend und verletzend ist, mit Vergewaltigung, Raub
und Kinderschändung in einem Atemzug genannt zu werden, wie es leider
gang und gäbe ist.
Denn erstens ist jede Sünde sozusagen „etwas an mir“. Jede Wahl in
diesen Fragen mag schwer fallen, aber es besteht eine Wahl. Die
Aufforderung, dieses Etwas an mir abzulegen, ist berechtigt, wenn auch
die Erfüllung manchmal dürftig ausfallen kann. Die homosexuelle Identität
ist keine Sünde, nicht „etwas an mir“, für das ich mich entscheide oder
nicht – sondern: „Das bin ICH“. Ich kann es nicht ablegen. Christen mit
dieser Forderung unter Druck zu setzen, kann nur Leid hervorrufen, weil
es Unmögliches verlangt und den Betroffenen dann mit seinem Dilemma
grausam allein lässt.
Und zweitens, wie kann ich die Identität, die einem Menschen gegeben ist
und ihn ausmacht, bereits als schlecht bezeichnen und mit Vergewaltigung
oder Mord in einen Topf werfen? Wäre dies wahr, wie sollte solch ein
Mensch seines Lebens froh werden? Die häufig gemachte Trennung
zwischen homosexueller Identität (die keine Sünde sei) und dem Ausleben
dieser Identität (das dann Sünde sei) ist gerade so künstlich wie der Satz
vom Hassen der Sünde und der Liebe zum Sünder. Ist das Ausleben einer
unwandelbaren Identität schon vom Grundsatz her schlecht, dann müsste
es die Identität selbstverständlich auch bereits sein, alles andere wäre
unlogisch. Ist eine Identität aber nicht schlecht oder ist sie neutral, kann
ein der Identität entsprechendes Leben auch nicht grundsätzlich falsch
sein, sondern allenfalls müssen ethische Richtlinien darüber entscheiden,
welche Form des Auslebens gut und welche schlecht ist.
Solche ethischen Richtlinien sind selbstverständlich für den Christen das
wahre „Doppelgebot“ – nämlich Gott und den Nächsten zu lieben. Wenn
ein schwuler Mann sich an zehnjährigen Jungen vergeht, wird dies kaum
einer gut heißen, und das Gebot der Nächstenliebe würde diese Form des
Auslebens auch ausschließen. Auch wenn er anonymen, täglich
wechselnden Geschlechtsverkehr praktiziert, hätte das mit ernsthafter
Liebe zum Nächsten wenig zu tun. Wenn derselbe Mann dagegen eine
dauerhafte Beziehung zu einem erwachsenen Mann in gegenseitiger Liebe,
Verantwortung und Treue anstrebt, liegt die Situation völlig anders. Wo
wird da das Doppelgebot tatsächlich und konkret verletzt? Die beliebte
Begründung, wer sich nicht an das halte, was in der Bibel steht, könne
Gott nicht lieben, dreht sich letztlich im Kreis: Warum bezeichnet die Bibel
Homosexualität als Sünde? Weil man dabei Gott nicht liebt. Warum liebt
man dabei Gott nicht? Weil es so in der Bibel steht. Dies ist eine
Argumentationsweise, die Jesus selbst übrigens nicht gelten ließ, wenn es
um die Frage ging, ob auf den ersten Blick zutreffende Gebote in einer
konkreten Situation wirklich passten oder nicht. Wie klingt es einem Homosexuellen in den Ohren, ihm zu sagen: Dass Du
ein homosexueller Mensch bist, lehne ich nicht ab, und ich liebe dich als
Mensch. Wenn du aber als homosexueller Mensch lebst, egal in welcher
Form, dann lehne ich das ab, und diese Sünde an dir hasse ich. Soll ich es
sagen? Für seine Ohren klingt es pervers.
Wie sehr wünschte ich, Jesus käme noch einmal auf Erden, um in dieser
Frage Klarheit zu schaffen. Denn einer Sache bin ich mir gewiss – den
Satz: „Ich liebe euch, aber ich hasse es, wenn ihr als die Menschen lebt,
die ihr seid“ – den würden wir von ihm nicht hören.
Dr. Valeria Hinck
[1] Patricia Rozema „When Night is Falling“, 1995
[2] Übersetzung durch Verfasserin aus Christianity Today, 11. März/2002
„No Easy Victory“
[3] Übersetzung aus Paul Duke, „Homosexuality and the Church“ 1993
(Mitschrift eines Vortrags)
[4] Übersetzung aus : Wallner, M.L., The Slow Miracle of Transformation,
The Other Side magazine, March/April 2001
[5] siehe Lev. 18, 22 und 20, 13 sowie Römer 1, 25.26
[6] der Gründer und Leiter von „Evangelicals Concerned“, einer
evangelikalen Homosexuellengruppe in den USA
[7] „Review“, Spring 2002, Vol. 27 No. 3

 

http://www.gemeindearbeit-mandywhite.de/unddiebibel.pdf

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