Zuwendung (von Heinz Eggert)

Ostern ist vorbei. Goethes Osterspaziergang konnte nur als ironische Untermalung gesehen werden.Der Schnee auf den Ostereiern hat die Begeisterung der Kinder beim Suchen aber nicht gebremst. Trotzdem -alle Festtagsplanungen wurden –buchstäblich- auf Eis gelegt. Jetzt hat der Alltag uns wieder.

Ich fahre nach Leipzig um meine lange geplanten Vorlesungen zu halten. Unterwegs ruft mich Mehmet an. Wir haben uns vor Monaten in einer Rehaklinik kennengelernt, als bedingt durch unsere Operationen, unserer Lebensplanungen auch auf Eis lagen. Das gibt es eben nicht nur zu Ostern! Mehmet, ein stämmiger 27 jähriger Deutschtürke, war mir aufgefallen, weil er jeden freundlich grüßte- und das mehrmals am Tag. Denn in einem Krankenhaus läuft man sich immer wieder über den Weg. Wobei man schon zu den Glücklichen gehört, wenn man selber laufen kann.

Wir wagten zusammen den 2 km langen Weg ins Dorfcafe. So kamen wir immer wieder ins Gespräch, lachten über Vorurteile und erzählten uns deutsch-türkische Witze. Gut, wenn keiner zuhört. Er hatte als Stahlgiesser gearbeitet. Gut bezahlter Knochenjob. Damit war jetzt – nach dieser Operation-für immer Schluss. Als ich ihm einmal erzählte, dass ich nachts aufgewacht wäre, weil ich von einem Weinkrampf geträumt hatte, war er still. Nach einer Pause meinte er, dass man unter Männern ja über Tränen nicht sprechen würde, aber er weine fast jeden Abend. Die Tränen kämen, ohne dass er es wolle. Er wollte immer seine Eltern finanziell unterstützen, die ein hartes Leben gehabt hätten. Jetzt wäre er vielleicht wieder auf Ihre Unterstützung angewiesen, denn in seinen Job könnte er nicht mehr arbeiten.

Mein Hinweis, dass man ihm mit seinem Schwerbehindertenausweis 3 Jahre nicht kündigen dürfe, überzeugte ihn nicht. Er wolle seinen Lohn wegen seiner Arbeit und nicht durch Mitleid bekommen. So viel Niedergeschlagenheit hatte ich bei ihm nicht vermutet. Am Samstag besuchte ihn eine Abordnung seiner Großfamilie. 12 Personen. Laut und lustig. Wer diesen Besuch überstanden hat, sagte ich ihm abends, der wird auch bald wieder gesund. Er war fertig, aber glücklich. Alle hatten sich schon Gedanken über ihn und seine Zukunft gemacht. In meiner Familie, sagte er lachend, kann keiner untergehen.

Drei Tage später bekam er Besuch von seinem Meister und zwei Kollegen. Der Betriebsrat hatte zu gestimmt, dass Mehmet in Zukunft in der Materialausgabe arbeiten solle. Man wolle ihn als freundlichen und zuverlässigen Kollegen nicht verlieren. Mehmet war außer sich vor Freude. Jetzt wollte er- nur noch – mit aller Kraft schnell gesund werden. Darauf stießen wir-nach Monaten-mit unserem ersten Bier an.

Vielleicht, dachte ich, diskutieren wir zu oft und zu laut über die Explosion von Krankenkosten und zu wenig über die Möglichkeiten kostenloser familiärer und sozialer Fürsorge. Denn die sind zur Gesundung genau so notwendig wie teure Medikamente.

Oder?

Heinz Eggert
Staatsminister a.D

via Zuwendung (von Heinz Eggert).

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2 Antworten zu Zuwendung (von Heinz Eggert)

  1. adamlauks11 schreibt:

    schön ist es zu sehen dass man nach altem Konfuzius greifen muss… gibt die westliche Philosophie nicht etwas Ähnliches her… meine Oma kannte ihn nicht.. aber ging nie in die Kirche und lebte nach diesem Motto, begleitete und pflegte zwei fremde hilfsbedürftigen Menschen bis zu ihrem Tode, selbstlos…und liebevoll…

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