Zwischen Karfreitag und Ostern

(von Heinz Eggert)

Ich erkannte ihn zuerst nicht wieder.
Ich kannte ihn als großen schlanken muskulösen Mann, der mit seiner blonden Löwenmähne, ganz gleich wo er auftauchte, immer Aufmerksamkeit erregte. Seine Freundlichkeit und fast schüchterne Zurückhaltung brachte ihm immer viele Sympathien ein. Er war Extremsportler, der im Winter als Skilehrer im Gebirge und im Sommer als Surflehrer an der See sein Geld verdiente.
Inzwischen war er 27 Jahre alt geworden, die Löwenmähne war einer Glatze gewichen, der muskulöse Körper abgemagert und mit Metastasen durchsetzt.

Er hatte im Hospiz darum gebeten dass ich ihn die letzten Tage seines Lebens begleite.
Im ersten fast dreistündigen Gespräch erklärte er mir zum Schluss, dass er den Kontakt zu seiner Freundin und zu seinen Eltern abgebrochen habe, weil er ihnen seinen Zustand nicht zumuten wolle und dass mit dem Sterben auch alleine hin bekomme.

Ich: Ich muss jetzt wieder fahren!
Er: Wann kommst du wieder?
Ich: Wahrscheinlich nicht mehr!
Er: Warum? Hast du so viel zu tun?
Ich: Nein, aber ich unterhalte mich nicht gerne mit Toten.
Er(völlig irritiert):Das verstehe ich nicht!
Ich: Es kann ja sein, dass du nur noch wenige Wochen oder Monate zu leben hast. Aber du hast dich jetzt schon entschlossen keine Signale mehr an die auszusenden die dich lieben. Da ist mir nicht ganz klar, was ich bei dir soll.
Er: Meinst du, dass ich wirklich noch Wochen oder Monate vor mir habe?
Ich: Ich bin kein Mediziner, aber ich vermute, das ist nur noch um Tage geht. Die Ewigkeit wird endlos sein. Deshalb solltest du noch jede Stunde nutzen und leben. Dann besuche ich dich gerne wieder.
Er: Du bist ganz schön radikal.
Ich: Gib mir einfach ein Zeichen und ich komme wieder vorbei.

Wir umarmen und uns zum Abschied.
Nachts um drei werde ich durch mein Telefon geweckt. Eine SMS von ihm: Heiner, ich habe mich entschlossen zu leben.

Er hatte noch fünf Tage zu leben und die Zeit genutzt um von seinen Eltern seiner Freundin und seinen Freuden ganz bewusst Abschied zu nehmen. Er brachte eine ungeheure Lebensstärke auf. Zwischen Ermattung und Schlaf, immer ein wenig in Morphiums Armen, waren wir wortlos oder im Gespräch zusammen.

Dann… am späten Abend des letzten Tages.
Er: Ich glaube, ich habe nicht mehr viel Zeit.
Ich: Es könnte sein, dass dein Gefühl dich nicht trügt.
Er: Du hast mir vor ein paar Tagen versprochen, in meiner letzten Stunde mit dabei zu sein.
Ich: Wenn ich es dir versprochen habe, werde ich es auch halten.
Er: Hältst du meine Hand und liest du mir etwas vor?

Ich halte seine Hand und lese aus den tröstlichen Worten der Psalmen. Er atmet sehr ruhig und liegt mit geschlossenen Augen da. Gegen Mitternacht nicke ich im sitzen ein.

Als ich wieder aufwache, bin ich mir nicht mehr sicher ob er noch atmet. Ich beuge mich über sein Gesicht, da schlägt er die Augen auf und sagt lächelnd mit matter Stimme:
Du kannst es wohl gar nicht erwarten!
Ich: (lache ihn an) : Du weißt doch, ich gehöre zu denen die immer pünktlich Feierabend machen wollen.
Er: Du kannst es nicht lassen. (nach einer Pause ) Schade, dass wir uns nicht schon lange vorher so gut kennen gelernt haben. Wir hätten gute Freunde werden können.
Ich: Wir sind Freunde. Das weißt du doch.

Er nickt und greift nach meiner Hand. Dann schläft er wieder ein.
Nach einer Weile schlafe auch ich.

Ich – wache wieder auf!

Zwischen Karfreitag und Ostern.

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